Gespräche mit «Ur-Thalheimern»

Zum Gespräch im September haben wir uns in der Winkelstube mit zwei Frauen und einem Mann aus Thalheim getroffen, alle drei sind in Thalheim aufgewachsen.

Emmi Strasser-Gutknecht konnte dieses Jahr einen runden Geburtstag feiern, sie wurde sechzig Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Familie Im Husamann, ihre drei Töchter und vier Enkel sind alle ganz in der Nähe daheim.

Emmi arbeitet als Primarlehrerin in Zürich, sie ist Lehrerin an einer Unterstufe, im neu renovierten Schulhaus gehen 500 Schüler zur Schule. Viele Eltern der Kinder sind Secondos, oder ein Elternteil ist zum Beispiel eingewandert, der andere in der Schweiz aufgewachsen. Die meisten Kinder sind gut integriert. Emmi findet es für sich ideal auf dem Land zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. In einer Stunde ist sie in Zürich. Auf dem Nachhauseweg hat sie im Zug Gelegenheit abzuschalten und ist dann zu Hause für die Familie, für Freunde und Bekannte wieder da und aufnahmebereit.

Emmi ist in Thalheim aufgewachsen und besuchte hier die Schulen.

Die Gesprächsteilnehmer der September-Gespräche in der Dorfposcht

Nach der Ausbildung und der Heirat wohnte die Familie einige Jahre in Winterthur und kehrte dann wieder nach Thalheim zurück. Sie wohnten zuerst im Elternhaus, bevor sie im Husamann ins neuerbaute Haus einzogen.

Emmi Strasser singt im Gemischten Chor. Da sie ihre Arbeitszeit altersbedingt etwas reduzieren konnte, sie muss am Mittwoch erst um zehn Uhr in der Schule sein, kann sie die Chorprobe am Dienstagabend unbeschwert geniessen und danach auch mal mit in die Beiz.

Leni Bucher-Schmid ist 61 Jahre alt, auch sie ist in Thalheim aufgewachsen und besuchte die Schule zuerst in Gütighausen, in Thalheim und dann in Andelfingen. Sie absolvierte nach der Schule das Haushaltlehrjahr, dann arbeitete sie im Verkauf. Nach der Heirat wohnte sie zuerst in Hinwil, dann 30 Jahre im Strickhof Lindau, wo ihr Mann Hausabwart war. Zwanzig Jahre arbeitete sie in der Kirche Lindau als Sigristin.

Seit März 08 wohnt sie mit ihrem Mann im neuerbauten Doppelleinfamilienhaus gleich hinter dem Elternhaus. Sie hat zwei erwachsene Söhne, der eine ist seit kurzem verheiratet.

Leni kam immer oft nach Thalheim. Seit dem Tod der Mutter war sie viel beim Vater, seit sie jetzt in Thalheim wohnt, hat sie vor allem zu ihm geschaut. Jetzt ist er seit kurzem im Altesheim in Stammheim.

Leni Bucher singt ebenfalls im Gemischten Chor. Schon als junge Frau hat sie, damals noch im Frauen und Töchterchor, mitgesungen, sie fühlte sich deshalb auch nach der langen Abwesenheit sofort wieder dazu gehörig.

Ernst Schälchli ist mit 55 Jahren der Jüngste in der Runde. Auch er ist ein «eingeborener» Thalheimer. Nach der Schule lernte er Landwirt, ein Lehrjahr absolvierte er im Kanton Bern, sonst war er immer in Thalheim, arbeitete auf dem elterlichen Betrieb bis er ihn dann später selber übernahm. Ernst ist im Ausser-Dorf aufgewachsen, 1965 zog die Familie in die Siedlung an der Thur. Zuerst waren nur die Kühe im neuen Stall, die Familie wohnte noch im Dorf im alten Haus und die Tiere mussten von dort aus versorgt werden. Dies war, vor allem im Winter nicht so angenehm.

Ernst Schälchli wohnt, nach dem Tod seines Vaters vor einigen Jahren, mit der Mutter in der Siedlung. Da die Mutter altersbedingt alleine nicht mehr zurecht kommt und nicht lange allein gelassen werden kann, hat Ernst seinen Viehbestand etwas reduziert. Er hat jetzt noch zehn Kühe und betreibt auch etwas Ackerbau.

Als Ernst noch jünger war, hat er im Turnverein mitgemacht, jetzt trifft er sich mit den Turnveteranen und hat so noch hie und da Gelegenheit in den «Ausgang» zu gehen.

Alle drei fühlen sich in Thalheim zu Hause. Emmi ist hier daheim und verwurzelt, auch wenn es viele schöne Orte gibt. Es gefällt ihr auch, dass ihre «Sippe» nahe beisammen ist. Sie schätzt die guten Verbindungen nach Zürich, zur Arbeit aber auch für kulturelle Angebote. Der Gegensatz Stadt-Land ist für sie anregend.

Leni war auch als sie nicht in Thalheim wohnte, oft hier zu Besuch im Elternhaus besonders als die Mutter krank war und dann starb und der Vater allein war. Ein Bruder wohnt zwar noch im Elternhaus, aber der arbeite noch und konnte nicht den ganzen Haushalt für den Vater machen. Sie fühlte sich sofort wieder zu Hause im Dorf. Im Chor zum Beispiel kennt sie noch die meisten Leute. Sie hat früher schon, als sie noch jung war, einmal mitgesungen, Emmi und sie haben in jungen Jahren einmal als Ehrendamen bei einem Sängerfest mitgewirkt. Es ist ihr eigentlich alles vertraut. Sie findet es aber auch gut, dass mit den neuen Häusern neue Leute nach Thalheim gekommen sind. Im Gegensatz zu früher schätzt sie die besseren Zugsverbindungen und vor allem auch den Bus, den es früher noch nicht gab.

Ernst war immer in Thalheim. Ihm gefällt es in der Siedlung an der Thur, ohne direkte Nachbarn, so stört man niemandem, und wird von niemandem gestört. An schönen Sonntagen hat es schon recht viel Verkehr an die Thur oder hie und da auch am Abend in die Schüürlibeiz, aber dadurch fühlt er sich nicht sehr gestört, er hat sich daran gewöhnt.

Die drei «Ur-Thalheimer/innen» schätzen an Thalheim besonders die Umgebung, die Weite, die Sicht auf Felder und Wiesen.

Sie kommen darauf zu sprechen, dass es früher mehr wirklich dicken Nebel gab. Da konnte es vorkommen, dass die Strassenlampen nicht bis auf die Strasse zündeten, so dick war der Nebel. Auch die Anzahl Tage an denen der Nebel lange nicht verschwand, war eindeutig grösser.

Ob auch dies, wie die grössere Trockenheit mit dem Klimawandel zusammenhängt, können wir nur vermuten.

Wirklich negative Punkte fallen den Gesprächspartnern von heute nicht ein. Sie machen sich aber Sorgen, ob die Gemeinde das Restaurant wirklich verkaufen möchte. Alle drei würden dies sehr bedauern. Ernst befürchtet, dass, wenn hinter dem Restaurant gebaut würde, die Tage der Beiz gezählt wären, er würde dies gar nicht gut finden. Leni findet es wichtig, dass es im Dorf einen Versammlungsort gibt.

In diesem Zusamenhang erwähnt Emmi all die früheren «niederschwelligen» Begegnungsorte, wie die Milchhütte, die Post, die Gemeinschaftsgefrieranlage, die nicht mehr vorhanden sind. Diese Begegnungsorte, wo man sich hie und da meist zufällig traf, ohne etwas abmachen zu müssen, die fehlen heute.

Dazu zählt auch die Feuerwehr, die vor einigen Jahren für die Männer noch Pflicht war, oder Ernst Schälchli erwähnt auch den Milchzahltag, da trafen sich die Leute und manches wurde erörtert und besprochen.

Das Verschwinden solcher Treffpunkte ist natürlich heute allgemein zu beklagen, nicht nur in Thalheim. Es trägt aber sicher auch dazu bei, dass alles anonymer wird, dass Jugendliche die sich nicht so gut integrieren, die nicht im Dorf in einem Verein mitmachen wollen, eher in Versuchung kommen Unfug zu treiben und negativ auffallen.

Treffpunkte sind wichtig. Im Husaman fehlt zum Beispiel ein Spielplatz. Es gibt aber auch Orte, da entsehen solche Spiel- und Treffpunkte spontan. Ein Beispiel ist der Oberdorfbrunnen, dort spielen und baden schon immer die Kinder aus den umliegenden Häusern. Wo solche Orte aber fehlen, sollten sie geschaffen werden.

Die heutige Mobilität, die leichte Erreichbarkeit all der vielen Freizeitangebote rundum, kann für die Dorfvereine natürlich auch ein Nachteil sein.

Ernst sieht auch, dass sich weniger Leute im Dorf engagieren, sei es im Verein oder sonst für die Gemeinde, zum Beispiel in einem politischen Amt, auch dies hat seiner Ansicht nach mit der Mobilität zu tun. Viele Leute wohnen nur kurze Zeit im Dorf und ziehen dann wieder weg.

Emmi wünscht sich eine gewisse Solidarität der Neuzuzüger mit dem Dorf. Zum Beispiel das Einkaufen im Volg ist wichtig, das Dorf wächst, aber man muss darum kämpfen, dass der Volg-Laden bestehen bleibt, denn er ist eine der wenigen Begegnungsmöglichkeiten, die noch geblieben sind.

Wir bedanken uns bei unsern Gesprächspartnern, dass sie sich diesen Abend Zeit genommen haben für unser Treffen und wir verabschieden uns.

Gespräch: cjo/ Fotos: wjo

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