Zwei Reaktionen zum Leserbrief von G. Roggensinger

Der Leserbrief von G. Roggensinger hat da und dort zum Nachdenken und Reden Anlass gegeben. Das kann ich gut nachvollziehen, so habe ich mir auch einige Gedanken gemacht, die ich hier gerne weitergebe. Ich denke, eines der angesprochenen Probleme ist der Umgang mit – und untereinander. Wie gehen wir miteinander um? Immer wieder werden Kinder gehänselt, ausgelacht und oftmals auch ausgegrenzt. Wenn wir in diesen Momenten die Augen verschliessen und uns diesen Problemen nicht stellen, dann werden sich genau diese Erlebnisse bis ins Erwachsenen-Alter weiterziehen. Da bringen sie nicht selten psychische Störungen oder gestörte Verhaltensweisen hervor. Es braucht dazu nicht immer nur eine handfeste oder schlagkräftige Auseinandersetzung. Diese sind offensichtlich und werden in den meisten Fällen auch angesprochen. Viel schlimmer ist es, wenn durch Blicke oder einzelne Sätze (Du bisch halt echli dumm), die wiederholt gesagt werden, Kinder gehänselt und ausgegrenzt werden. Vom Umfeld werden diese «Sprüche» als normal abgegolten, verharmlost oder gar gutgeheissen. Das hinterlässt in den Betroffenen tiefe Spuren, die von aussen kaum sichtbar sind.

Wie schnell urteile ich über andere, seien es Neuzuzüger oder Alteingesessene, suchtbelastete Personen oder Grossfamilien? Ich glaube, dass es immer einen Grund gibt, über andere Personen zu urteilen oder gar zu lästern. Aber was könnte der Grund sein, dass wir oftmals so unachtsam über andere Personen reden? Sehr oft sind es eigene Mängel, die wir zu überdecken versuchen und durch den Fingerzeig auf den Nächsten, von uns ablenken. So sind wir selber oftmals die Vorbilder und prägen damit das Dorfleben. Jeder Mensch hat seine angenehmen wie auch seine unangenehmen Wesenszüge. Ist es an uns zu urteilen, ob der Mensch gut oder schlecht ist?

So bin ich der Überzeugung, dass wir als ganzes Dorf die Verantwortung tragen, bezüglich dem Umgang miteinander. Weder die Schule alleine (z. Bsp. Mit dem Gewaltpräventionsprogramm «Programm zur Förderung alternativer Denkstrategien» «Pfade»), noch die Eltern durch die Erziehung können das Problem des rücksichtslosen Umgangs alleine lösen. Wir als ganze Dorfgemeinschaft sind gefragt. Wir machen es uns ziemlich einfach, wenn wir sagen, meine Kinder sind nicht mehr in der Schule, es geht mich nichts mehr an…. Auch die heutigen Schulkinder werden einmal Kinder haben und dann beginnt sich das Rad wieder neu zu drehen. Deshalb bin ich der Ansicht, dass es sinnvoll ist, wenn jeder einzelne den eigenen Umgang zum Nächsten überdenkt. Man könnte dies auch als nachhaltige Investition in die Dorfgemeinschaft und in ihr Gedeihen bis hinein in die kleinste Zelle, der Familie betrachten. Eine lohnende und spannende Investition in die Zukunft sozusagen. Wenn sich das alle zu Herzen nehmen, und diesem Problem in die Augen schauen dann ist es bestimmt auf allen Ebenen lösbar. In diesem Sinne wünsche ich eine schöne Sommerzeit mit vielen rücksichtsvollen und erfreulichen Begegnungen.

Sandra Hefti


Wir tragen Verantwortung, insbesondere für das eigene Verhalten. Und wir sind verantwortlich für das, was wir persönlich sagen, schreiben, tun oder unterlassen. Sind wir aber verantwortlich für das Verhalten unserer Kinder? Ist es nicht eher so, dass wir dafür verantwortlich sind, unsere Kinder aufzuzeigen, wie sie sich zu verhalten haben? Damit sie, wenn sie erwachsen sind, gestärkt sind, dass sie selbständig, respektvoll und eigenverantwortlich agieren und reagieren können? Zum einen versuchen mein Mann und ich, uns selber an der Nase zu nehmen, zum anderen bringen wir unseren Kindern die üblichen Anstandsregeln und die in unserer Gesellschaft vorhandenen Gepflogenheiten bei (wie zum Beispiel Tischmanieren, Höflichkeit). Und wir wiederholen uns täglich.

Wir akzeptieren, dass Kinder unterschiedlich sind. Es gab schon immer Streber, Rebellen, die Coolen, die Ruhigen, die Sportlichen, die Intellektuellen und auch die Sonderlingen – sie haben alle ihren Platz in unserem Gesellschaftssystem. Diese Unterschiede gibt es; es gilt für uns, sie zu verstehen und auch unseren Kindern zu erklären. Wir besprechen, wie es möglicherweise im Innern eines anderen Kindes aussieht, versuchen ihnen beizubringen, auch darüber nachzudenken, wie andere sich fühlen könnten. Wir möchten zusätzlich, dass sie lernen, sich über die Geschicktheit oder das Glück anderer Kinder zu freuen und zum Ausdruck zu bringen.

Darüberhinaus nehmen wir die Verantwortung war, unsere Kinder in für sie schwierige Situationen zu unterstützen. Das Leben ist nicht fair. Je früher sie lernen, mit Unannehmlichkeiten, Enttäuschungen, Frust oder Verlust umzugehen, desto besser sind sie für das Leben als Erwachsene gewappnet. Wir schieben die Verantwortung nicht weiter – «ach, die Lehrerin ist blöd», «die anderen Jungs sind doof», «ach du armer kleiner Junge, du wirst ja immer geplagt». Wir plädieren für Eigenverantwortung. Wenn die Kinder mal frustriert nach Hause kommen, lassen wir sie erst mal ausreden/austoben. Dann fragen wir nach, wie sie sich verhalten haben, was sie gesagt oder getan haben. Und wir geben ihnen konstruktive Hinweise.

Die Konzequenzen für ihr Verhalten tragen unsere Kinder selber, da sie ja für ihr eigenes Verhalten verantwortlich sind. Dies kann bedeuten, dass sie aus einem Spiel ausgeschlossen werden, ins Zimmer geschickt werden, dass sie in der Schule «Strafsgi» erhalten, dass sie von Kollegen nach Hause geschickt werden, dass sie Hausarrest haben, oder auf der positiveren Seite, dass sie gelobt werden, wir einen Familienfilmabend halten, oder ähnliches.

Nun wurde in unserer Schule in Thalheim Pfade als Lehrmittel eingeführt. So wie ich es verstanden habe, wurde unsere Schule auch seitens verschiedener Eltern dazu aufgefordert, etwas gegen die zunehmende Gewalt, unterstelltes Mobbing und anderen Problemverhalten zu unternehmen. Das PFADE-Program wird von einem Fachteam am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich zu Umsetzung durch interessierte Primarschuleinheiten angeboten. Doch logisch, dass unsere zürcherische Schule diese Dienstleistung in Anspruch nimmt. Interessanterweise decken sich die PFADE-Ziele mehrheitliche mit unseren Zielen, welche ich in den oberen Paragraphen dieses Artikels umschrieben habe. Nur heisst es bei uns Zuhause «Erziehung und Disziplin». Wir sind damit einverstanden, dass weniger geplagt/bedroht/geschlagen/beherrscht/vandaliert wird. Wir möchten weniger Ablenkbarkeit, Unruhe, Lügen, Stehlen, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Unaufmerksamkeit, Nervosität, Substanzmissbrauch. Erwiesen und logisch ist auch, dass eine Minderung der Problemverhalten eine Erhöhung der Lernbereitschaft und der Leistungen bringt. Das sind die PFADE-Ziele. Wie werden diese Ziele erreicht? Eigentlich mit Methoden, welche schon immer gebraucht wurden. Nur sind die Methoden anders strukturiert und haben einen Namen, eine Sammelbezeichnung – Pfade.

Ich lade alle ein, sich mal unter www.gewaltprävention-an-schulen.ch zu informieren. Die Infomappe ist aufschlussreich. Wer informiert ist kann besser mitdiskutieren. Ich habe beim herumstöbern festgestellt, dass PFADE kein Psycho-Programm (unsere Kinder werden nicht wie Roboter programmiert!) und auch kein derartig umstrittenes Lehrmittel ist. Ich schlage vor, wir unterstützen unsere Lehrpersonen in ihrem Vorgehen. Sie machen es gut. Und eigentlich nicht wirklich anders als früher. Die Rahmenbedingungen haben sich vielleicht geändert, aber die Ziele bleiben gleich: lernen und fördern, damit aus Kindern selbstständige, verantwortungsbewusste und doch unterschiedliche Erwachsenen werden.

Ingrid Lüthi

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