Leserbrief: Getreidefelder – Spielplatz?

Bekanntlich führt der Schulweg Gütighausen–Turnhalle durch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Ich liebe diesen Weg zu jeder Jahreszeit. Der grosse Acker der Familie Benz ist dieses Jahr mit Gerste angesät worden und bietet jetzt im Ährenstand, wenn ein leichter Wind darüberstreicht, eine Augenweide. Leider sind vor den Heuferien viele Wege und Weglein festzustellen, die in das besagte Feld führen. Von einer Spaziergängerin wurden gar drei Buben entdeckt, die sich weit im Gerstenacker drin vergnügten. Ihr kleines Meiteli sammelt die mutwillig ausgerissenen und auf dem Weg liegen gelassenen Zuckerrüben ins Gepäcknetz des Kinderwagens für ihre Kaninchen. An einem anderen Tag müssen zwei Buben, die per Velo in unserem notabene in den Ähren stehenden Weizenacker unterwegs sind, von einem Einheimischen herausgepfiffen werden. Danke!

Der gedanken- und respektlose Umgang mit unserer Schöpfung lässt Erinnerungen wach werden, die in meine Kindheit zurück gehen. Meine Schulzeit begann im Kriegsjahr 1939. Wir lernten daher früh, unserer Nahrung, allem was im Garten und Feld wuchs, Sorge zu tragen. Vieles war noch Handarbeit, zu der wir Bauernkinder herangezogen wurden. Im Frühling legten wir mit dem Körbli die Saatkartoffeln in die Furchen und erlebten ihr Wachsen und Gedeihen hautnah. Im Herbst bückten wir uns wieder nach ihnen. Garbenseili legen zur Erntezeit (bis wir rote Hälse hatten von ihrer Rauhigkeit) war auch so etwas. Nach der Ernte suchten etwa Verwandte oder Bekannte die Äcker nach Ähren ab, um die Rationierungsmarken aufzubessern. Jede Ähre hatte damals ihren Wert. Und dieses Sorgetragen ist eine lebenslängliche Erfahrung geblieben. Noch leben wir in einer Zeit des Überflusses. Brot von heute ist morgen schon alt. Das ganze Jahr was das Herz begehrt. Wo aber sollen die heutigen Kinder ihre Erfahrungen sammeln? Die allerwenigsten Familien besitzen noch einen Garten. Die Lebensmittel kommen aus dem Ladengestell. Was tut‘s wenn man etwas wegwirft, – es ist immer noch genug da. Deswegen braucht niemand zu hungern.

Bis jetzt sind wir von grösseren Katastrophen verschont geblieben. Hagelwetter, Überschwemmungen, Feuerbrand an den Obstbäumen lassen uns aufschrecken und dankbar werden für jegliche Verschonung. Letzten Herbst waren die Kartoffeln rar. Einer bäuerlichen Fachzeitung entnehme ich, dass mit der Globalisierung Schädlinge eingeschleppt werden, die nicht oder kaum bekämpft werden können. In Emsland (D) hat sich die Bakterienringfäule eingenistet bei den Kartoffeln, was ein 5-jähriges Anbauverbot bewirkt hat. In Italien wurden innerhalb von 50 Jahren 115 neue Insektenarten verzeichnet. Eine davon, die Metcalfa-Zikade kann über 200 Pflanzenarten befallen. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem Bericht.

Heute erleben wir einen grossen Wertezerfall. Den sorgsamen und disziplinierten Umgang mit unserer Nahrung, den Mitmenschen und ihrem Eigentum gegenüber kann das Kind nur an unserem Vorbild lernen. (Hier ist vor allem das Elternhaus gefragt.) Getreide-, Rüben- und Maisfelder sind Eigentum der Bauern und sollten nicht geschädigt werden. Dahinter steckt viel Arbeit.

Das Erfreuliche soll aber auch seinen Platz haben in diesem Bericht. Die jetzigen Schulkinder grüssen – sogar laut und deutlich. Das freut uns Erwachsene!

Erika Zeller

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