Weltuntergang? Was ist das genau?

Es war in diesem unsäglichen Wonnemonat Mai 2010, der eher einem völlig verregneten Herbst glich. Obwohl ich im Süden Ferien machte, musste ich heizen und jeden Tag im Kamin ein Feuer anzünden. Nach drei Wochen hatte ich bald Schwimmhäute zwischen den Fingern. Wenn ich von mir schreibe, stimmt das natürlich nicht, denn es ging allen in der ganzen Schweiz ähnlich. Kälte und Regen waren flächendeckend. Ein paarmal gingen nachts lange grollende Gewitter übers Tal, wo ich war. Ich hörte sie glücklicherweise nicht immer, merkte nur am Verhalten meiner Katze, dass es blitzen und donnern musste. Dann versteckt sie sich, oft in der Dusche hinter dem Vorhang, manchmal in einem offenen Schrank zwischen den Pullovern.

Doch eines Nachts war der Lärm der himmlischen Kegelbahn so laut, dass ich erwachte. Am Fenster stehend sah ich in eine pechschwarze Dunkelheit hinaus. Zwischendurch wurde sie von Blitzen aufgerissen, dann folgte der laute Donner. Dazu goss es in Strömen, laut und kräftig. Eigentlich machen mir – im Gegensatz zur Katze – Gewitter keine Angst. Doch dieses Mal war es irgendwie anders. Unheimlich. Der Regen hatte schon tagelang angedauert und war jetzt so stark geworden. Wo geht all das Wasser hin? Die Wiesen mochten es kaum mehr zu schlucken, die ersten Hangrutsche waren gemeldet worden. Und plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf: so muss der Weltuntergang aussehen und sich anfühlen. Und damit war an Schlaf nicht mehr zu denken.


Weltuntergang. Was ist das genau? Keine Ahnung, es hat’s noch keiner erlebt. Was alles hätte ich noch erledigen und erleben wollen, bevor ich untergehe? Würde es ein Nachher geben? Und wie hätte ich denn dieses Leben nachher gerne?


Dann die Überlegung, dass ich das alles im Grunde immer bedenken sollte. Nicht nur bei Weltuntergangs-Gefühlen. Der Tod ist schliesslich eine der sichersten Sachen im Leben. Nun war es Zeit für gute Vorsätze. Ab morgen wird aufgeräumt und entrümpelt, organisiere ich lange aufgeschobene Treffen mit Freunden, beantworte ich liegengebliebene Briefe. Und damit war ich wieder so müde, dass ich irgendwann einschlief.


Am Morgen war das nächtliche Erlebnis ziemlich weit weg – damit natürlich auch die guten Vorsätze. Aufgeräumt wird später.


Ursy Trösch

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