Interview: Peter Wettstein, Gemeindepräsident

Vor einem Jahr wurde Peter Wettstein zum Gemeindepräsidenten gewählt. Zwar bilden Thalheim und Gütighausen nur eine kleine Gemeinde im Zürcher Weinland. Die Aufgaben aber, die ein solches Amt auch für eine kleine Gemeinde erfordern, sind wohl nicht zu unterschätzen. Was hat sich der amtierende Gemeindepräsident unter seinem Amt vorgestellt? Kann er nach einem Jahr schon so etwas wie eine Bilanz ziehen? Fragen, die mir Peter Wettstein am 15. Mai beantwortet hat.

«Politisch sind wir gar nicht so engagiert»

Pedro, erzähle uns doch von den Erfahrungen des vergangenen Jahres?

Meine Feststellungen sind, dass wir viele verwaltungstechnische Aufgaben haben, politisch sind wir gar nicht so gross engagiert. Meine Vorstellungen haben sich aber bewahrheitet, wobei ich von meiner achtjährigen Tätigkeit als Gemeinderat profitieren konnte. Was sich geändert hat, sind die Aufgaben anlässlich vieler Konferenzen. Aus meiner Sicht läuft es im allgemeinen rund. Ob das gegen aussen auch so scheint, kann ich nicht beurteilen. Wenn die Leute nicht zufrieden sind, höre ich das in der Regel meist zuletzt.

Ist das ein Problem? Wäre der Wunsch da, vermehrt Äusserungen der Einwohner direkt zu erhalten?

Ich weiss, das ist vielleicht nicht immer so einfach. Gemeinderäte haben, bedingt durch ihr Amt, meist eher einen Wissensvorsprung. Der Wunsch wäre aber schon da. Es besteht nach wie vor die Sprechstunde nach telefonischer Vereinbarung mit dem Gemeindepräsidenten, die praktisch nicht genutzt wird. Auch auf der Gemeindekanzlei ist man bereit, Auskünfte zu erteilen.

Überwiegt gesamthaft die Freude am Amt oder vielleicht eine zu grosse Belastung?

Das ist unterschiedlich. Manchmal könnte ich den «Bettel hinschmeissen», manchmal «stellt es mich auf». Es ist ein Auf und Ab wie in jedem Beruf. Belastend sind vielleicht Streitereien um Kleinigkeiten, mit denen ich mich befassen muss. Da denke ich, dass diese mit etwas mehr Toleranz zu regeln sein sollten. Wenn man mit den Leuten diskutiert, zeigt sich jeder tolerant, wenn es aber um eine persönliche Angelegenheit geht, kommt schon bald die Meinung auf, man wolle einem Steine in den Weg legen, wobei der Gemeinderat die gesetzlichen Vorgaben beachten muss.

Ein Amt ist eine Tätigkeit, die man nicht erlernen kann, aber irgendwann hineinwächst. Wie bist du mit den neuen Aufgaben des Gemeindepräsidenten zurecht gekommen?

Lernen muss ich vor allem das Auftreten gegen aussen, z.B. das Leiten einer Gemeindeversammlung, das mache ich am wenigsten gern. Ich arbeite lieber sachbezogen und produktiv. Es gibt auch Dinge, die ich etwas überflüssig finde. Man klopft sich gegenseitig etwas oft auf die Achseln, verdankt, begrüsst und sollte bei jedem Vereinsfest offiziell präsent sein. Vielleicht ändert das erst, wenn man irgendwann mal über eine Gemeindefusion spricht, das ist allerdings noch weit entfernt.

Ist eine Fusion denn ein Thema?

Im Gemeindepräsidentenverband wurde darüber gesprochen. Im Kanton Thurgau hat man viele kleine Bürgergemeinden zusammengeschlossen. Im Kanton Zürich denkt man manchmal etwas laut darüber nach. In Andelfingen ist das Thema aktuell, dort wurden Initiativen eingereicht, um den Zusammenschluss von Andelfingen und Kleinandelfingen zu prüfen. Innerhalb des Gemeindepräsidentenverbandes hat eine Arbeitsgruppe an einer kürzlichen Zusammenkunft erste Ergebnisse vorgestellt. Das Resultat hat ergeben, dass man primär nicht von Fusionen, sondern eher von verbesserter Zusammenarbeit reden kann.

Keine Fusionen – dafür Kooperation

Es bestehen im Bezirk Andelfingen ja bereits viele Zweckverbände, wo die Zusammenarbeit über die Gemeindegrenzen hinweg stattfindet. In der Asylkoordination funktioniert bereits ein provisorisches vereinfachtes Verfahren unter etwa 25 Gemeinden. Das Ziel wäre, zwischen den einzelnen Gemeinden eine flexiblere Zusammenarbeit zu erreichen. Das Gemeindegesetz verhindert dies aber heute noch. Ich meine aber, dass Fusionen in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch nicht zum grossen Thema werden. Was sicher diskutiert werden könnte, wäre, gewisse Verwaltungsaufgaben zu zentralisieren. Ein Problem besteht auch in der Behörde selber. Wir sind eine sogenannte Hobby-Behörde. Wenn dann der Kreis grösser wird, ist auch die Arbeit grösser, was sich wiederum darauf auswirken könnte, neue Leute für solche Ämter zu finden.

Wieviel Zeit wendest du fürs Amt auf?

Letztes Jahr waren es um die dreihundert Stunden. Gegenüber meinem früheren Amt als Gemeinderat nicht sehr viel mehr.

Welches sind deine Ressorts?

Finanzen, Liegenschaftenunterhalt und Vormundschaft.

Wie beurteilst du das politische Interesse unserer Dorfbevölkerung?

Die Abstimmungsbeteiligungen sind eher gut. An den normalen Gemeindeversammlungen sind in der Regel immer etwa die gleichen Personen anwesend, ausser bei speziellen Geschäften. Das Interesse für eine gewöhnliche Rechnungs- oder Budgetgemeinde erachte ich als sehr gering.

«Ich vermute, die Leute sind zufrieden»

Was leitest du davon ab, eine gewisse Gleichgültigkeit oder ein grosses Vertrauen in die Gemeindebehörde?

Ich sehe es von der positiven Seite und nehme an, die Leute sind zufrieden mit unserer Arbeit. Wir haben auch schon versucht, mit einem Politapéro die Einwohner vermehrt anzusprechen. Der Erfolg blieb jedoch aus. Die gleichen Erfahrungen werden übrigens auch in anderen Gemeinden gemacht.

Am kommenden Donnerstag wird die ausserordentliche Gemeindeversammlung, an der es um den Schulhausneubau geht, stattfinden. Heute habe ich im Briefkasten einen Gegenvorschlag über eine Variante für ein redimensioniertes Projekt der Schulanlagen vorgefunden. Möchtest du dich dazu äussern?

Ich habe etwas Mühe mit dem Gegenvorschlag. Ich bin der Meinung, jetzt ist der Zeitpunkt für ein Zentralschulhaus richtig. Würde am neuen Ort und beim alten Schulhaus in Thalheim investiert, käme die Frage vom Zentralschulhaus früher oder später wieder auf. Was geschieht dann mit dem alten Schulhaus? Zum jetzigen Zeitpunkt besteht im übrigen kein zwingender Kauf des alten Schulhauses. Es handelt sich eher um einen Wunsch aus der Bevölkerung. Irgendwann wird sicher in den nächsten Jahren die Diskussion über eine Zusammenlegung der Politischen und Schulgemeinde aufkommen. Dann stellt sich wohl eine Gesamtinvestition dar, aber wir haben ja aufgezeigt, dass wir mit beiden Investitionen leben könnten. Letztlich müsste man etwas unterscheiden zwischen dem Schulhausneubau und dem Verkauf respektive Kauf des alten Thalheimer Schulhauses. Wie es herauskommt an der Gemeindeversammlung, werden wir sehen. Persönlich hoffe ich, dass der Weitblick der Stimmbürger überwiegt und dem Zentralschulhaus zugestimmt wird.

Welche anderen Probleme stehen zur Zeit in unserer Gemeinde an? Ich denke da an den Fluglärm, worüber in den Zeitungen zu lesen war, was kommt im Zusammenhang mit dem Asylwesen auf uns zu, was wird sich verändern?

Ja, das werden in etwa die Themen sein, womit wir uns beschäftigen müssen. Zum Fluglärm kann ich sagen, dass wir dem Flughafenschutzverband beigetreten sind. Da geht es uns nicht darum, den Flughafen zu bekämpfen, sondern es ist eine Tatsache, dass wir mit Informationen übergangen wurden. In den betroffenen Gemeinden ist man der Meinung, dass man vom Kanton besser hätte orientiert werden müssen. Es geht jetzt ja um die Privatisierung des Flughafens, um eine neu zu erteilende Konzession und um den Umweltverträglichkeitsbericht.

«Es braucht Plätze für Asylbewerber!»

Beim Asylwesen müssten wir dringend Plätze für Asylbewerber zur Verfügung stellen. Über die Dorfposcht haben wir nach Wohnmöglichkeiten gesucht. Es hat sich niemand gemeldet. Innerhalb unserer Gemeinde geht es jetzt nicht darum, über das Asylwesen an sich zu diskutieren, sondern das Problem der Unterbringung zu lösen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute wissen, dass wir eigentlich bereits sieben Asylbewerber haben. Bei der Unterbringung dieser Bewerber sind wir nur durch die Asylkoordination verschont geblieben und dank dem, dass andere Gemeinden Hand geboten haben.

Wie beurteilst du die Zusammenarbeit innerhalb des Gemeinderates?

Gut. Natürlich haben wir ab und zu Meinungsverschiedenheiten. Gesamthaft gesehen macht mir die Tätigkeit Freude. Ich lerne viel Neues. Es ist ein guter Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit.

Ich danke dir fürs Gespräch. Ich sehe, das Amt des Gemeindepräsidenten beinhaltet ein breitgefächertes Sachgebiet. Viele Dorfbewohner kennen dich zwar. Jene anderen, die weder Gemeindeversammlungen besuchen, noch aktiv am Gemeindegeschehen teilnehmen, haben dich vielleicht durch dieses Interview näher kennengelernt.

Marlies Schwarz

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