Ferienregion für die Flachländer – schwieriger Lebensraum für die Einheimischen

Ein Rückblick

Am Montagabend, 8. Februar trafen sich rund 80 Personen – Vereinsmitglieder, Angehörige und weitere Interessierte aus Pfarrei, Gemeinde und Umgebung – im Pfarreisaal St. Martin, um dem rund einstündigen Referat von Prof. Dr. Peter Rieder zu diesem aktuellen Thema zu folgen. Der Referent hat sich durch jahrelange Forschungsarbeit an der ETH Zürich und viele Einsätze als Stiftungsrat, Experte und Gutachter für lokale und nationale Behörden ein breites Wissen und grosse Erfahrung erworben. Er verstand es, mit eindrücklicher Rhetorik und gut illustriert mit Bildern und Grafiken vor allem die wirtschaftlichen und soziologischen Aspekte der Schweizer Berggebiete zu beleuchten, Schlussfolgerungen zu ziehen und Denkanstösse zu geben.

Die Berglandwirtschaft bleibt, dank der Direktzahlungen des Bundes, erhalten und sichert heute einen bisher in diesem Segment kaum erreichten Lebensstandard. Wegen notwendiger Güterzusammenlegung und Mechanisierung der Arbeiten nimmt jedoch die Anzahl deren Arbeitsplätze ab.

Die Nutzung der Wasserkraft in Gebirgsregionen bringt zwar, dank der von den Kraftwerken ausgerichteten Entschädigungen, vielen Berggemeinden zusätzliches Einkommen, aber, nach Abschluss der Bauphase, nur sehr wenige Arbeitsplätze.

Wir alle erleben, dass die Tourismuswirtschaft in unseren Bergregionen heute an Grenzen stösst, dies wegen der heftigen Konkurrenz durch das nahe Ausland, aber auch wegen immer günstiger und schneller erreichbaren fernen und exotischen Destinationen auf dem ganzen Globus.

Mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative werden zwar künftig Bergregionen nicht unbegrenzt bebaut und verschandelt. Gleichzeitig verlieren damit aber lokale Handwerksbetriebe Marktvolumen und Arbeitsplätze. Renovation und Unterhalt bestehender Gebäude vermögen dies nicht annähernd zu kompensieren.

Mit der Herstellung von Massengütern im «Normalmarkt» wird es den Bergregionen, wegen der längeren Transportwege und der höheren Infrastrukturkosten, kaum gelingen, konkurrenzfähig zu sein. So sind sie denn gefordert – so die Forschungsergebnisse und die These des Referenten – innovative Marktnischen zu erkennen und zu entwickeln. Hauptsächlich mit hochwertigen und hochpreisigen Produkten kann es Bergregionen gelingen, neue Märkte zu erschliessen und hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Referent stellt einen beispielhaften Vergleich an zwischen den zwei Bündner Dörfern:

  • Vals einerseits, mit seinen hochwertigen Produkten (z.B. Valser-Wasser, veredelter Valser-Gneis und die dank einmaliger Architektur weltberühmte Therme Vals), und
  • Vrin im hinteren Lugnez andererseits, mit zwar gut erhaltenem und wertvollem Dorfkern und hochwertiger historischer und moderner Architektur, jedoch kaum innovativen Nischenerzeugnissen.

Während es Vals gelungen ist, über Jahrzehnte eine nahezu konstante Einwohnerzahl zu erhalten, läuft Vrin die Gefahr, durch Abwanderung und Reduktion zum zwar wunderschönen, aber kaum Arbeitsplätze generierenden Museumsdorf zu werden.

Die anschliessende Gelegenheit zur Diskussion und Fragestellung wurde rege genutzt. Dabei kam auch die Sorge zum Ausdruck, dass sich unsere schönen Bergregionen wegen des Strebens nach teuren Nischenprodukten zu für uns Flachländer kaum mehr erschwinglichen Hochpreis-Resorts entwickeln könnten. Die Hoffnung, dass ein Nebeneinander von Hochpreisprodukten und erschwinglichem Bergtourismus gelingen wird, wurde von Teilnehmern klar zum Ausdruck gebracht.

Beim abschliessenden Umtrunk konnte die angeregte Diskussion weitergeführt werden.

Ein herzlicher Dank gebührt dem kompetenten Referenten Prof. Rieder, der es verstand, uns Probleme und Chancen der Berggebiete näher zu bringen, und so dazu beitrug, dass wir künftig unsere Bergferien mit offenerem Geist und mehr Sachverstand geniessen können.

Männerverein St. Martin Seuzach
Fredy Marti

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