Natur: Rotmilan

Mit einer Länge von rund 62 Zentimeter und einer Spannweite um 160 Zentimeter erreiche ich Gardemasse und bin eine imposante Erscheinung am hiesigen Himmel. Ich bin der grösste Greifvogel des Schweizerischen Mittellandes.

Man könnte mich meiner Flug- und Segelkünste wegen durchaus auch «König der Lüfte der Niederungen» nennen, denn mein Brutgebiet befindet sich hauptsächlich unterhalb von 1000 Metern über Meer, wobei wir unseren Horst, welchen wir oft mit Papier, Lumpen und Plastikfetzen auspolstern, hoch oben in Buchen, Kiefern oder Eichen, an Waldrändern oder in Feldgehölzen bauen.

Im Volksmund werde ich wegen meines langen, tief gegabelten, rostroten Schwanzes auch «Gabelweihe» genannt.

Haben Sie schon mal unseren hinreissenden Balzflugspielen zugeschaut, welche wir schon früh im Jahr in den Himmel zeichnen ? Bei guter Thermik steige ich in diesen Tagen mit meinem auserwählten Weibchen in Serpentinenschleifen ins endlose Blau hinauf, um mich danach mit ihm bis knapp über die Baumwipfel hinabzustürzen.

Während dieser Sturzphase drehen und wenden wir uns, kippen auch über den Rücken nach unten oder greifen uns manchmal glückselig an den Fängen (im Bild links ein Schwarzmilan-Paar). So taumeln wir ineinander verkrallt vom Himmel herunter und lassen erst im letzten Moment, einige Meter über dem Boden voneinander, um sogleich wieder aufzusteigen und das spannende Spiel von neuem zu beginnen.

Das Brutgeschäft überlasse ich ganz meinem Weibchen. Während diesen gut dreissig Tagen versorge ich es fleissig mit Nahrung.

Wir jagen im charakteristischen, niedrigen Suchflug, schreiten aber auch Felder ab und sind keine Kostverächter. Wir erbeuten Mäuse, Ratten, kleine bis mittelgrosse Vögel, fressen aber auch gerne Aas, welches als Mähopfer anfällt oder tote Fische.

Pro Gelege schlüpfen in der Regel zwei bis drei junge Rotmilane. Im Verlaufe der sechs bis acht Wochen dauernden Nestlingszeit übergeben wir unseren halbflüggen Jungen die unzerteilte Beute auch ausserhalb des Horsts. Wir nennen unseren Nachwuchs dann «Aestlinge» weil sie jetzt nicht mehr dauernd im Horst sitzen, sondern sich bereits auf die Aeste hinaus wagen, ohne allerdings bereits auszufliegen.

Während wir tagsüber zur Nahrungssuche weit umher streifen, vereinigen wir uns vor allem mit Herbstbeginn allabendlich gerne zu Schlafgesellschaften. Früher haben wir hauptsächlich im Mittelmeerraum überwintert. Manchmal finden sich mehrere Dutzend Vögel am Schlafplatz ein, wobei sich aus anderen Brutgebieten abgestrichene Artgenossen zu uns gesellen.

Wussten Sie, dass wir unser Hauptverbreitungsgebiet in Mitteleuropa haben? Sechzig Prozent des weltweiten Brutbestandes liegt in Deutschland. In der Schweiz lebt ein beachtlicher Teil von etwa acht Prozentdes Weltbestandes, das heisst etwa 1200 Paare.

Sollten sich die Bestände dieses eleganten Greifs negativ entwickeln, so trägt die Schweiz deshalb eine grosse Verantwortung bezüglich der zu ergreifenden Schutzmassnahmen.

Rotmilane sind auf abwechslungsreiche, vielfältige Kulturlandschaften angewiesen. Überall da, wo Landschaftsstrukturen wie Baumreihen, Feldgehölze und Einzelbäume stehen gelassen werden, wo keine Monokulturen das Bild prägen und wo mit einem Minimum an Pestiziden und Düngereintrag gearbeitet wird, bleibt uns dieser prächtige Vogel erhalten.

Für die Dorfposcht Thalheim,
Andy Widmer, Altikon

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