Titel: Wege und Strassen

Die Bedeutung der Wege und Stras­sen verändert und entwickelt sich im Laufe der Zeit, viel mehr als wir dies im Alltag wahrnehmen.

Einen Meilenstein im Stras­senbau erlebten wir in Thalheim im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Sanierung der Thurtalstrasse. Während einiger Monate war die Durchfahrt beeinträchtigt und längere Zeit sogar ganz gesperrt. Und siehe da, wir haben diese Zeit, trotz weiträumigen Umleitungen und zum Teil fragwürdigen Zufahrten über Seitensträsschen und Feldwegen, überstanden.


Natürlich fragten sich wohl manche, die den Ausbau sahen und miterlebten, ob denn diese aufwändige, hochstehende und technisch geradezu perfekte Renovation unserer Ortsdurchfahrt wirklich notwendig sei und ob sich der immense finanzielle Aufwand lohne. Und vielleicht haben sich einige der Älteren an Zeiten erinnert, wo Dorfstrassen noch holprig waren und die Traktoren und Fuhrwerke noch gemächlicher durch die Dörfer rollten.


Wir haben mit verschiedenen Leuten das Gespräch gesucht und haben dabei eine erstaunliche Vielfalt von Erinnerungen und Informationen erhalten, die zeigen, wie sich die Bedeutung der Strassen und Wege in unserer Umgebung verändert hat.


Angesprochen auf die Wege und Strassen, die in Erinnerung blieben, erzählt Els Morf-Bachmann, geb. 1920, über ihre Schulzeit (sie ist in Altikon, in Oberherten, aufgewachsen und wohnt seit über 60 Jahren hier in Thalheim). Noch gut erinnert sie sich an den Schulweg durchs Guldi-Tal nach Rickenbach ins Oberstufen-Schulhaus, den Weg zu Fuss nach Frauenfeld an den «Chlausmärt» oder von Herten nach Thalheim in die Kinderlehre die abwechselungsweise in Altikon und in Thalheim abgehalten wurde.


Oft ging es auch zu Fuss zur Arbeit auf dem Feld auf die, vor der Güterzusammenlegung, noch weit verstreuten Äcker. Sie erinnert sich, wie z.B. Altiker Frauen mit Körben, die sie auf dem Kopf trugen, über den Feldisteg nach Dietingen gingen, um dort in ihren Weinreben zu arbeiten. Der «Hürdel», ein gepolsterter Stoffring schützte den Kopf und erleichterte das Tragen der Körbe.


Als Els Morf 1946 nach Thalheim kam, gab es noch keine geteerten Strassen. Wegknechte sorgten für den Unterhalt. Da die meisten Bauern nur ein Pferd hatten wurden für schwere Fuhrwerke und zum Pflügen zusammengespannt, d.h. man half sich mit den Pferden gegenseitig aus. Traktoren gab es nur ganz wenige. In Thalheim hatte in diesen Jahren nur Bäcker Frei ein Auto. Deshalb kam es nicht selten vor, dass er in Notsituaionen Fahrdienste übernehmen musste. Jedenfalls kam es mehrmals vor, dass er hoch schwangere Frauen, kurz vor der Niederkunft, ins Spital nach Winterthur brachte.


Werner Schleuss, geb. 1933, hat die Entwicklung und Veränderung der Verkehrswege in und um Thalheim seit seiner Kindheit erlebt. So erzählt er z.B., dass in den 40er Jahren, die Dorfstrasse (heute Thurtalstrasse) so wenig befahren wurde, dass die Kinder auf der Strasse problemlos Schlagball spielen konnten. Nur ganz selten tauchte ein Auto auf. Besonders gut erinnert er sich an den Fiat Topolino des damaligen Hausarztes Dr. Stierli mit seinem Boxerhund auf dem Beifahrersitz.


Schon damals mussten die Sekundarschüler nach Andelfingen in die Schule. Die Strasse war noch nicht geteert und nicht immer in bestem Zustand. War man mit dem Velo unterwegs, musste man Rillen und Schlaglöchern ausweichen. Bei Regenwetter und im Winter konnte der Schulweg recht beschwerlich werden. Aber irgendwie kam man immer ans Ziel. Im Winter 1946 war es derart kalt und die Strasse so vereist, dass die Schüler mit den Schlittschuhen nach Andelfingen fuhren; natürlich mit «Örgelischlittschuhen», d.h. die Kufen wurden an den Sohlen der Winteschuhe fixiert.


Lag genügend Schnee, war etwas los in Thalheim. Auf der Oberdorfstrasse wurde ausgiebig geschlittelt. Die von Kindern und Erwachsenen genutzte Schlittelbahn ging vom Brunnen im Oberdorf, die ganze Oberdorstrasse hinunter bis zur Einmündung in die Thurtalstrasse. Wenn es gut lief, ging es um den Rank weiter der Kirchenmauer entlang bis zur Milchhütte. War es genügend kalt, stauten die älteren Buben im Thurvorland den Bach. Auf dem gestauten Wassser entstand ein Eisfeld zum Schlittschuhlaufen und Hockey spielen.


Wie die meisten jungen Männer, war Werner Schleuss später Mitglied des Turnvereins. Die Turner trafen sich jedoch nicht nur an Sportveranstaltungen, sondern waren auch in der Freizeit oft miteinander unterwegs. Samstagabend gings auf den Tanz in die Kreuzstrasse nach Wilen oder in die Traube Rutschwil und am Sonntagnachmittag nicht selten auf Beizentour. Mit ihren Fahrrädern fuhren sie je nach Lust und Laune nach Altikon, Neunforn, Ellikon, Rickenbach, Wiesendangen.


1967 wurde Werner Schleuss einer der ersten Postchauffeure. Von Winterthur aus transportierte er während 18 Jahren Brief- und Paket- und Expresspost in 13 Gemeinde-Poststellen bis nach Stammheim, dazu gehörte damals auch noch die Poststelle Gütighausen. Eingeführt wurde der Posttransport per Auto, weil der Post- und Gepäckwagen auf der Bahnlinie nach Stein am Rhein so alt war, dass er ausrangiert werden musste. Ein Ersatz hätte angeblich zu viel gekostet. Der Transport mit dem Lieferwagen, klappte meist problemlos, einzig im Winter, konnte es vorkommen, dass nicht alle Poststellen bedient wurden. Werner Schleuss erinnert sich, dass die Strasse nach Rutschwil manchmal bis am Nachmittag nicht gepflügt wurde und er im tiefen Schnee nicht mehr weiter kam und wieder umkehren musste.


Angesprochen auf die Veränderung und Entwicklung im Strassenbau, erinnert er daran, dass früher alles viel ruhiger und gemächlicher unterwegs war, beschreibt die Fuhrwerke, die zum Teil noch eisenbereift waren, später kamen die Pneuwagen und die ersten Traktoren, die anfänglich auch nur mit zwanzig Kilometer pro Stunde unterwegs waren. Nach den 90er Jahren dominierten zunehmend schnellere und schwerere Maschinen, Schlepper und Lastwagen den Strassenverkehr. Eine Entwicklung, die schliesslich auch die höheren Ansprüche an den Strassenbau mit sich brachten.


Werner Schleuss ist der Ansicht, dass sich die Sanierung Thurtalstrasse im vergangenen Jahr besonders für all diejenigen, die an dieser Durchfahrtsstrasse wohnen, lohnte. Das Scheppern und Poltern der vorbeifahrenden Wagen, das von den Unebenheiten ausgelöst wurde, hat wesentlich nachgelassen.


Heiri Friedrich, geb. 1931, Gütighausen erinnert sich noch gut wie die Kies-Strasse zwischen Gütighausen und Thalheim in den 1950er Jahren aussah, wie die Fuhrwerke über die Schlaglöcher und Querrillen holperten. Er sagt selbst, er sei in Zeiten aufgewachsen als man noch wie im Mittelalter wirtschaftete. Es gab noch viele Kleinbauern mit einigen wenigen Kühen, Hühnern und einem Schwein das im Herbst geschlachtet wurde. Das Getreide wurde noch in Garben gebunden nach Hause geführt. Später im Tenn mit der eisenbereiften und riemenangetriebenen Dreschmaschine gedrescht. Das Korn wurde in Säcke à 100 kg abgefüllt auf den Rücken geladen und in die Kornkammer getragen.


Pferdefuhrwerke gehörten zum Alltag. Im Herbst wurde das Brotgetreide und auch Mostobst und Kartoffeln für den Transport in die Verarbeitungsbetriebe zum Bahnhof Altikon-Thalheim geführt und in die Güterwagen verladen. Pro Hof stand in der Regel nur ein Pferd zur Verfügung. Für schwere Transporte spannten die Bauern im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Erst nach dem Krieg kamen die ersten Traktoren auf. Die ersten noch mit Holzvergaser. Und dann kamen die dreirädrigen «Loki-Traktoren».


Heiri Friedrich erinnert sich noch gut an die Solidarität und den Gemeinschaftssinn der Gütighauser, der geprägt wurde durch die gemeinsamen Arbeiten auf dem Feld und im Wald und auch an das zusammen Zechen, Singen und Feiern in den ehemaligen Dorfwirtschaften, in der Mühle und im Löwen (der später der Ossingerstrasse weichen musste).


Im Gegensatz zu heute, waren die Leute weitgehend Selbstversorger, man ernährte sich von dem was man selbst produzierte. Und man kam nicht zu kurz dabei. Eingekauft wurde im Dorfladen oder bei Krämern und Hausierern die ins Dorf kamen. Einer kam zum Beispiel mit einem Holzgestell, das er auf dem Rücken trug und verkaufte Mercerie-Waren, Faden, Nähnadeln und Knöpfe.


Heute erlebt Heiri intensiv die Gegensätze, sieht wie man heute mit dem eigenen Auto «weiss-ich-wohin» in Einkaufszentren fährt um dort billig einzukaufen, oft Importwaren aus aller Welt. Waren und Lebensmittel, die nicht zuletzt so günstig zu erhalten sind und die einheimischen Produkte konkurrenzieren, weil sich die Wegnetze regional und Weltweit, und damit die Mobilität, in den letzten Jahrzehnten enorm entwickelt und verändert haben.


In der Milchhütte Gütighausen wurde von 22 Viehaltern Milch abgegeben. Die Milch wurde dann vom Milchfuhrmann mit dem von einem Pferd gezogenen Federwagen jeden Morgen zur Banhstation Altikon-Thalheim gebracht und dort zwischen acht und neun Uhr in den bereitstehenden Güterwagen verladen. In denselben Güterwagen wurde auch die mit Fuhrwerken herangebrachte Milch aus den Milchhütten Thalheim, Altikon, Eschlikon, Grüt und Neunforn verladen.


Der Personenzug nach Winterthur fuhr bis in die 50er Jahre noch mit Dampf. An jeder Bahnstation wurden weitere Güterwagen mit Milch angehängt, bis der Zug schliesslich in Winterthur einfuhr und die Güterwagen in Toni-Molkerei geschoben wurden. Allerdings dauerte eine solche Fahrt nach Winterthur über eine Stunde.


Und noch eine andere Erfahrung: Thomas Gutermann, geb. 1937, erlebte ein halbes Jahrhundert Entwicklung der Strassen und Autobahn zwischen Zürich und Thalheim. 1957 übernahm er als junger Lehrer, die Leitung des Frauen- und Töchterchores, und später nach dem Zusammenschluss mit dem Männerchor (1985), die Leitung des Gemischten Chores. 1959 zog er nach Zürich, blieb jedoch seinem Dirigentenamt in Thalheim bis heute treu.


Seit mehr als 50 Jahre, fuhr und fährt Thomas Gutermann, Woche für Woche nach Thalheim an die Chorproben und Vereinsanlässe. Während all dieser Jahr legte er die Strecke von Zürich nach Thalheim (ca. 80 km) rund 2500 mal zurück (man rechne!).


Auch Thomas Gutermann erinnert sich noch, an die Strassenverhältnisse von damals. Die Strasse zwischen Seuzach und Thalheim war noch nicht geteert. Es gab weder Leitlinien noch reflektierende Pfosten. Besonders nachts, bei Nebel, war die Strasse und die Stras-senränder kaum noch zu erkennen. Trotzdem gelang es ihm, all die Jahre die Fahrten unfallfrei und ohne grössere Pannen zu bewältigen. Eine fast unglaubliche Geschichte.


Roland Roggensinger (1961), Landwirt in Thalheim und Mitarbeiter der Landi Marthalen, haben wir gefragt, wie heute die landwirtschaftlichen Nutzung der Strassen, insbesondere die Zuckerrübentransporte funktionieren. Er schildert, folgendes: Die Landwirte, die in unserer Region Zuckerrüben anbauen, haben sich zu «Transport-Ringen» zusammengeschlossen. Dem «Ring», der aus Thalheim, Gütighausen und Dätwil die Rüben in die Zuckerfabrik Frauenfeld führt, sind 17 Produzenten angeschlossen. Mit ihren Traktoren und Anhängern transportieren sie pro Fuhre (je nach Fahrzeugtyp) zwanzig bis vierzig Tonnen Zuckerrüben. Verladen werden sie, mit der sog. «Maus», einer riesigen Verlademaschine. Diese ermöglicht es, in wenigen Stunden ganze Berge von Rüben aufzunehmen und per Förderband in die anrollenden, von Traktoren gezogenen Wagen zu laden. Pro Tag werden auf diese Weise rund 1200 Tonnen Rüben geladen und nach Frauenfeld geführt. Spitzenleistungen liegen bei 1350 Tonnen.


Durch Thalheim fahren auch die Fahrzeuge der Transportringe aus der Region Andelfingen und Flaach. Insgesamt sind es wohl mehrere Tausend Fuhren, die im Spätherbst durch Gütighausen und Thalheim nach Frauenfeld rollen.


Durch die Sanierung der Strasse die durch Thalheim führt, wurden manch störende Unebenheiten ausgeglichen, die Fahrt durchs Dorf wurde ruhiger. Mit den heutigen Fahrzeugen ist der Zustand der Strassen in der Regel kein Problem. Man kommen fast überall durch, bei jedem Wetter. Problematisch ist eher der Zustand und der Unterhalt der Flurstrassen. Die Fahrzeuge die heute in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt werden, sind viel breiter und schwerer als früher. Dementsprechend änderte sich auch die Beanspruchung. Markant sichtbar wird dies in engen Kurven und an den Weg- und Strassenrändern.


Auch Hugo Ehrensberger (geb. 1956, Gemeindearbeiter) sieht, dass sich die Beanspruchung der Flurstrassen durch die schweren und zunehmende breiteren Maschinen und Transportfahreuge zugenommen hat und dass der Unterhalt aufwändiger geworden ist.


Übrigens, wer sich über das Strassen- und Wegnetz näher informieren möchte, kann Einblick nehmen ins Thalheimer Strassen-Verzeichnis. Darin sind 79 km Strassen und Wege die durch die Gemeinde führen detailliert aufgelistet; Flurstrassen, Wald- und Waldrandstrassen, Quartier- und Verbindungsstrassen. Die Gemeinde ist Zuständig für den Unterhalt von rund 50 km Kies-Strassen und 15 km Belag-Strassen. Für die Kantonsstrassen und die Kies-Strässchen entlang des Kanales und auf dem Thurdamm ist der Kanton zuständig.


Christine Jordi (geb. 1947) erinnert sich an ihren Schulweg in die Sekundarschule nach Andelfingen. Anfangs 60er Jahre gab es nach Gütighausen noch keine Brücke über die Bahnlinie. Die noch ungeteerte Kiesstrasse nach Andelfingen verlief nach Gütighausen dem Waldrand entlang und über einen Bahnübergang mit Barrière. Während dem Ausbau der Strasse wurde der Schulweg durch die Baustellen zeitweise zum Hindernislauf. Christine Jordi erinnert sich daran, dass die Handarbeitslehrerin in der Sekundarschule über die verschlammten und verdreckten Schuhe und Kleider der Schülerinnen aus Thalheim und Gütighausen derart entsetzt war, dass sie sie vor Schulbeginn wieder nach Hause schicken wollte.


Der Schulweg nach Andelfingen wurde aber trotzdem jahrein jahraus bewältigt. Hatte eines der Schulkinder mit dem Velo mal eine Panne, konnten das defekte Rad zum Velomechaniker Baumann gebracht werden. Seine Werkstatt lag am Weg zur Schule, an der Schlossgasse. Meistens war das Velo nach der Schule wieder geflickt. Wenn nötig, lieh er auch mal ein altes Rad aus.


Übrigens die Sekundarschülerinnen mussten noch in Röcken und Schürzen zur Schule, das Tragen von Hosen (Jeans) war den Mädchen untersagt. Ausnahmen gab es nur im Winter. Da durften sie in den Skiehosen (damals Keilhosen) in die Schule.


In besonderer Erinnerung blieben auch die Fahrten zum Andelfinger Jahrmarkt. Da es in den 50er und 60er Jahren erst Wenige gab, die ein eigenes Auto hatten, wurden Sammeltransporte organisiert, d.h. einzelne Bauern fuhren mit Traktor und Brückenwagen nach Andelfingen, beladen mit einer ganzen Schar von Kindern und Erwachsenen.


Nach der Fertigstellung der neu geteerten Strasse nach Andelfingen, war Verkehr von Motorfahrzeugen noch so spärlich, dass es nicht gross störte, wenn die Schüler mit dem Velo zu viert nebeneinander fuhren. Einige Jahre später sah es schon wesentlich anders aus. Auf Grund zunehmenden Verkehrs mit schnelleren und schwereren Vehikeln wurde das Radfahren gefährlicher. Nach 1980 wurde klar, dass es an der Zeit wäre, neben der Strasse einen Veloweg zu bauen. Anfragen beim Kanton stiessen jedoch lange Zeit auf Ablehnung. 1993 sammelte der Dorfverein Unterschriften und reichte beim Kantonsrat eine Petition ein. Es folgten weitere Vorstösse auch vom Gemeinderat und der Schulpflege. Bis der Bedarf wurde beim Kanton zur Kenntnis genommen wurde vergingen einige Jahre. Schliesslich wurde nach langem Warten der Veloweg gebaut und im Jahr 2003 eingeweiht.


wjo

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