Interview: Hans Strasser, neuer Milcheinnehmer, Thalheim

Ende letzten Jahres gaben Sigi und Dori Schüssler nach langjähriger Tätigkeit ihr Amt als Milcheinnehmer auf, und die Milchgenossenschaft suchte krampfhaft einen Nachfolger. Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellen sollte! Seit die Milchhütte in den 40er Jahren durch die Milchgenossenschaft ins Leben gerufen wurde, hat sich einiges verändert. Die Milch wird nicht mehr mit Ross und Wagen zum Bahnhof geführt, obschon noch heute der Wagen im hinteren Raum der Milchhütte steht. Auch die Zahl der Bauern in Thalheim hat sich verändert.

Nur noch Acht Milchproduzenten

Von einst etwa dreissig Milchproduzenten sind heute noch acht übriggeblieben. Galt man damals mit einer Kuh im Stall und einer Hektare eigenem Land als Bauer, sind die Zahlen hier um einiges höher. Die Probleme mit der Milchhütte und die Bewältigung der zeitaufwendigen Arbeit als Milcheinnehmer sind nicht zu unterschätzen. Trotzdem wurde man fündig.

Hans Strasser, wie kamst Du zu Deinem neuen Job?

Verschiedene Bauern fragten mich diverse Male an und schlussendlich sagte ich ja.

Wie ist die Sache für Dich angelaufen?

Gut. Die Arbeit gefällt mir sehr. Am Anfang holte ich mir zwar gleich eine zünftige Erkältung, denn in der Milchhütte ist es immer feucht und wegen der laufenden Kühlung kalt. Man muss schon eine gesunde, kräftige und ausdauernde Person sein für diese Aufgabe.

Gegenüber früher sind jedoch ein paar technische Erleichterungen installiert worden. Früher leerte man die Milchkannen ja noch von Hand.

Das stimmt. Heute kann der Bauer die Milch draussen hinstellen und sie mit der Vakuumanlage in ein bestimmtes Gefäss drinnen in der Milchhütte pumpen lassen. Von dort muss sie nur noch genau abgewogen und in den Milchkessel weitergepumpt werden.

Kontrolle mit dem Schnapptest

Wie läuft das mit den Milchproben? Wer kontrolliert die Milch und wie oft?

Mindestens einmal pro Monat kommen unsere zwei Kontrolleure aus der Gemeinde und nehmen Proben. Zusätzlich werden Proben durch einen Milchinspektor genommen. Aber damit ist es nicht getan. Als Milcheinnehmer bin ich verpflichtet, jeden Tag, nachdem die Gesamtmilchmenge aller Bauern abgeliefert worden ist, einen speziellen Test (Schnapptest) zu machen.

(Hans Strasser erklärt mir genau den präzisen Ablauf dieses Tests, ein Vorgehen das konzentriertes Arbeiten erfordert.)

Dieser Test dauert etwa 15 Minuten und dient der Nachweisung von Penicillinrückständen in der Milch. Die Landwirte wissen, dass ihre Milch kontrolliert wird und können keine Risiken eingehen. Sollte dennoch einmal Penicillin in der Milch nachgewiesen werden, müsste alle Milch weggeschüttet werden. Das wären jetzt etwa 1500 Liter. Der fehlbare Landwirt wäre verpflichtet, für den Schaden aufzukommen. Zudem nimmt auch der Chauffeur des Lastwagens, der die Milch hier abholt und zum Milchverband führt, bei jeder Sammelstelle nochmals eine Probe. Wenn aber erst dann Penicillin nachgewiesen wird, haftet der Verursacher für den ganzen Lastenzug, das wären dann etwa 10’000 Liter, was schlimme finanzielle Folgen haben könnte.

Wie muss sich denn ein Landwirt verhalten, der einer Kuh Penicillin verabreichen muss?

Diese Milch darf so lange wie vorgeschrieben ist nicht in die Milchhütte abgeliefert werden.

Der Chauffeur holt die Milch um drei Uhr nachts

Wie häufig wird die Milch in Thalheim durch den Chauffeur abgeholt?

Vorläufig noch täglich. Der Chauffeur kommt immer nachts etwa um drei Uhr. Die Milch könnte 48 Stunden bei uns im Tank bleiben. Deshalb wäre es möglich, dass sie in Zukunft nur noch alle zwei Tage geholt wird, wie dies bei der Hofabfuhr auch der Fall ist.

Die Einführung der Hofabfuhr hätte grosse finanzielle Folgen

Hofabfuhr: Gütighausen hat vor ein paar Jahren auf dieses System umgestellt. Kommt die Hofabfuhr auch in Thalheim?

Das Thema ist tatsächlich sehr aktuell und ich habe grosse Bedenken. Jetzt gibt man den Bauern ein Zückerchen, nachher kommt der Hammer. Das war in der Landwirtschaft schon oft so. Ich nehme an, dass der Milchverband darauf drängt, die Hofabfuhr einzuführen. Aber die Kosten sind doch schliesslich höher, wenn der Chauffeur 8 Bauernhöfen nachfahren muss, anstatt bei einer Milchhütte alle Milch abzuholen. Die Landwirte müssten neu investieren und eigene Milchräume mit Kühltanks bauen. Diese Installationen müssen auch unterhalten und repariert werden. Der eine oder andere wird da wohl nicht mehr mitmachen. Das Einkommen der Bauern wird in Zukunft ohnehin schmäler werden. Es trifft in erster Linie wieder die Kleinen.

Man liest von Milchpreissenkungen. Wieviel bekommt der Bauer jetzt noch für einen Liter Milch?

Jetzt sind es ungefähr 80 Rappen. Eine neue Reduktion um weitere zehn Rappen ist aber bereits angesagt und später sollte der Preis noch weiter sinken. Ohne Direktzahlungen geht das nicht mehr.

Bald günstigere Milch?

Wie teuer ist ein Liter Milch in der Milchhütte für den Konsumenten?

Der Verkaufspreis ist jetzt bei 1.40 Franken. Ich werde aber einen Vorstoss nehmen, den Preis zu senken, sobald die Bauern auch weniger erhalten.

Verkaufst Du nebst Offenmilch keine weiteren Milchprodukte mehr?

Nein, ich will nichts Neues mehr anfangen. Wegen der neuen Lebensmittelvorschriften müsste ich eine zusätzliche Wand einbauen lassen. Das würde heissen, eine Hilfe für den Verkauf anzustellen. Ich glaube kaum, dass sich das lohnen würde.

Betreust Du die Milchhütte eigentlich allein?

Ja. Ich arbeite gern allein. Eine Vertretung habe ich aber schon. Susi Weidmann hat sich bereit erklärt, weiterhin als Aushilfe einzuspringen. Darüber bin ich sehr dankbar, denn die Milchhütte ist jeden Tag am Morgen und am Abend offen, und obschon ich mit meinen eigenen Tieren auch angebunden bin, möchte ich die Möglichkeit zu einem freien Tag auch ab und zu nutzen.

Frühaufstehender Hausmann

Erzähle doch zum Schluss noch, was Du zwischen den Arbeiten in der Milchhütte sonst noch machst.

Am Morgen stehe ich um fünf Uhr auf und füttere zuerst zwei Ställe Schafe. Dann mache ich meiner Familie den «Zmorge» und nachher geht es ab in die Milchhütte. Dort putze ich zuerst den Tank, die Plättli und richte alles und warte auf die ersten Bauern, die bis jetzt in der Regel pünktlich kamen. Nachher, wenn alles aufgeräumt und erledigt ist, kommt der Hausmann zum Zug. Im Haushalt gibt es auch immer eine Menge zu tun: putzen, abwaschen, posten, kochen usw. Nach dem Mittagessen erlaube ich mir ein kurzes «Nickerchen». Dann schneide ich zum Beispiel Bäume oder habe irgend etwas in unserem Haus zu reparieren. Gegen Abend müssen wieder meine Schafe besorgt werden, bevor ich schliesslich wieder in die Milchhütte an die Arbeit gehe. Täglich sind es etwa 3 Stunden Arbeit in der Milchhütte. Zwischendurch habe ich recht viel Zeit für anderes.

Hans, ich hoffe für Dich, dass die Milchhütte noch eine Weile weiter bestehen kann. Wagst Du eine Prognose?

Ich hoffe, auf weitere ein bis eineinhalb Jahre. Man muss bedenken, dass in unserer Milchhütte einiges sanierungsbedürftig ist. Die Milchgenossenschaft wird sich in nächster Zukunft sehr mit dem Thema befassen müssen.

Zum Schluss danke ich Dir vielmals für das Gespräch. Vielleicht dringt aus diesem Bericht etwas davon an unsere Leserinnen und Leser durch, dass auch in der Landwirtschaft zur Zeit grosse Probleme anstehen.

Marlies Schwarz

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