Pendeln, zum Glück

Beim Pendeln gehen die Meinungen auseinander: Manche leiden unter dem Stau auf der Strasse oder dem Gedränge in Bahnen und Bahnhöfen, für andere bedeutet die Zeit im Zug oder Auto eine willkommene Verschnaufpause zwischen Arbeit und Zuhause. Für Velos gibt’s nur selten Stau und der Dichtestress hält sich – trotz E-Bikes – in Grenzen.

Seit vier Jahren fahre ich nahezu täglich mit dem Velo morgens von Thalheim nach Winterthur und abends zurück, für die Strecke von Winterthur zu meinem Arbeitsort in Zürich nehme ich den Zug. Die gesamte Reise dauert rund eine Stunde, der Weg auf dem Velo etwas mehr als eine halbe. Ich könnte auch gut den Zug nehmen und würde so sogar knapp zehn Minuten einsparen, mache das aber nur, wenn ein unpraktischer Transport ansteht, wenn es wirklich nasses Hudelwetter ist oder auf den Strassen Eisglätte herrscht.

Die halbe Stunde auf dem Velo gehört zu meinen schönsten Tageszeiten! Klar, in der Sommerzeit ist es angenehmer, wenn auch schnell etwas schweisstreibend. Zugegeben, in der Nacht ist es finster, vor allem zwischen Seuzach und der Station Thalheim-Altikon. Und beim Aufstehen denke ich oft, dass ich viel zu müde bin, um den Hoger hinauf und dann noch über den Amelenberg zu kommen… Nach dem Kaffee sieht es jedoch meist schon besser aus, und sobald ich aufgestiegen bin, verfliegt die Verzagtheit.

Nach dem Rank in die Stationsstrasse sage ich zu meiner Linken den Pferden guten Tag, dann geht’s langsam bergauf und der Blick öffnet sich auf das Thurtal. Manchmal liegt es unter einem hohen Himmel unscheinbar da, mal mäandert eine Nebelschlange über dem Fluss. Manchmal fahren die Wolken mit Tempo fast fröhlich durch die leichte Luft, mal hängt die graue Decke bis zum Boden. Jeder Tag ist anders und oft wie noch nie dagewesen!

Weiter geht’s auf dem Veloweg Richtung Welsikon, inzwischen bin ich hellwach. Die kleinen, behelmten Schüler treffen sich auf ihrem Schulweg. Mein Kopf beginnt zu arbeiten: Der Tag vor mir füllt sich mit Aufgaben und mit Ideen. Oder es beginnt ein Nachdenken: Noch unverdorben vom Tag bewegen sich Gefühle und Gedanken im selben Rhythmus, sind noch nicht zugeschnitten auf eine Verwertbarkeit. In Fahrt lässt sich auch über Unbewältigtes und Schwieriges nachdenken, ohne dass man fürchten muss, in dumpfe Grübelei zu verfallen. In die Ohnmacht mischt sich unweigerlich auch Zuversicht – denn man beweist es ja gerade: Es lässt sich – fast – immer etwas bewegen, auch wenn es Kraft kostet.

Bei der Station Dinhard geht’s zurück auf die Hauptstrasse und dann auf den Velostreifen: ein flaches Stück, das sich mit Tempo fahren lässt, ein etwas eintöniger Abschnitt – eine gute Meditationsstrecke. Spätestens beim Kreisel in Seuzach stehe ich nicht mehr neben mir, und der Einstand in den Tag ist geschafft. Der Amelenberg ist die Scheidegg: Ab dem Rosenberg ist fertig mit Träumen, die Stadt beginnt.

Der umgekehrte Weg am Abend ist meist weniger inspirierend, aber immerhin kann man unterwegs den Ballast des vergangenen Arbeitstages abwerfen. Die Müdigkeit muss noch einmal überwunden werden, der Hunger und die Lust aufs Zuhausesein treiben die Beine an. In der Winterzeit ist es bereits sehr dunkel und kann auch frostig kalt sein. Man muss gut aufpassen: Eine Katze oder ein Fuchs könnte jederzeit auf die Strasse springen, auch wenn die Wildwarner piepsen. Aber wenn man Glück hat, gibt es eine unerwartete Begegnung mit einem Dachs oder es zeigt sich gerade über dem finstersten Wegabschnitt der leuchtendste Sternenhimmel!

Ulrike Schelling

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