Nachgedacht: «PORTVLA AVERSA PRO LOVIS…»

Es gibt Orte mit besonderer Ausstrahlung. Man hat den Eindruck, dass sich über Jahre, Jahrhunderte hinweg trotz vieler Änderungen, trotz Modernisierung eine Anziehungskraft erhalten hat, der man sich nicht entzieht. So geht es mir «i de Kartuus». Wir haben den Ort schon früher hie und da besucht. Als sich dann noch irgendwo ein Lehensbrief gefunden hat, der aussagt, dass die Einwohner von Herten Lehensleute des loblichen Gottshauses von Ittingen waren, habe ich mir oft vorgestellt, wie es war, als unsere Vorfahren über die Thur nach der Kartause pilgerten, um 1 Gulden, 5 Batzen, 6 Denar, 8 Müth Kernen, 6 Müth Haberen, ein Zins – und ein Herbsthuen, 50 Eyer in der Kartause abzuliefern.

Einmal, noch während der Renovation, haben wir auf einer Wanderung einen kurzen Aufenthalt gemacht. Eine Wirtschaft gab es noch nicht. So sind wir, es war anfangs Herbst, auf der zerfallenen Treppe gesessen und haben einen Apfel gegessen. Die friedliche Atmosphäre von damals ist mir immer noch gegenwärtig, es war so eine «O, Augenblick, verweile»-Stimmung.

Nach der Renovation war die erste Empfindung eher Enttäuschung. Als Zufahrt statt des kleinen Strässchens die breite, verlegte Strasse. Die «neuen» Gebäude, fremd, zu viel Betrieb, von friedlicher Stille war nicht mehr viel zu spüren, sehr nach «es muss rentieren» aussehend … Dass es Betrieb, Aktivitäten etc. braucht, damit die Finanzen stimmen, dass habe ich bald begriffen.PORTVLA AVERSA PRO LOVIS

Seither bin ich viele Male in der Kartause gesessen, im Museum, habe die Kartäuserzellen angeschaut, Ausstellungen besucht, die Rosen bewundert, Feste dort gefeiert, im Restaurant eingekehrt … Etwas von der besonderen Ausstrahlung ist immer noch, oder wieder zu spüren. Ein Ort, an dem man sich wohl fühlt.

Etliche Male bin ich bei meinen Besuchen auf der hinteren Seite, wo die grosse, von Rosen überwachsene Mauer gegen den Wald hin steht, vor der kleinen Türe in der Mauer stehen geblieben und habe mir die oben angebrachte Tafel angeschaut, habe mich gefragt, was es mit der Aufschrift «PORTVLA AVERSA PRO LOVIS. Aedificata anno MCMLXXX» wohl für eine Bewandtnis habe. Ich habe einiges unternommen, um dahinter zu kommen. Mein lateinkundiger Enkel sagte mir, mit dem «Lovis» sei nichts anzufangen – am Ende könnte es «Louis» heissen. Das wollte ich nicht recht glauben, ich habe weiter «geforscht». Das Ergebnis: das Ganze sei ein Scherz und heisse nicht etwa «hintere Türe für Lovis», sondern frei übersetzt: «Hintertürchen für Louis» und beziehe sich auf einen Mitarbeiter. Die Jahrzahl anno MCMLXXX (1980) ist ein Hinweis, dass es sich nicht um eine Kartäuser handeln kann.

Fazit: Matthias hat recht gehabt und ich kann über ein neues, eventuell wichtigeres Thema nachdenken …

Els Morf

Portrait: Berta Ehrensberger-Graber, Gütighausen

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle ein Interview erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen. Frau Berta Ehrensberger, am 7. Mai 1998 85jährig geworden, hat abgelehnt. Das Gedächtnis sei nicht mehr das beste, letztes Jahr habe sie eine Streifung gehabt, seither vergesse sie vieles und sage oft wieder das gleiche. Nein, ein Interview traue sie sich nicht mehr zu. Warum aber sollte ich sie nicht trotzdem besuchen und über sie ein Portrait schreiben? Ja, das könne ich schon, im Moment sei sie zwar etwas beschäftigt, der 85. Geburtstag bringe so maches mit sich und dann wolle sie Ende Mai noch in die Altersferien. So kam es, dass wir uns an einem Freitag Nachmittag in der gemütlichen Stube in ihrem Haus in Gütighausen am Tisch gegenübersassen. Ich traf eine interessierte Frau an, die mir eine Menge erzählte aus ihrem Leben, von ihrer Familie und wie sie den grossen Geburtstag zusammen feierten. Freudig berichtet sie: «17 Personen habe ich eingeladen zu einem unvergesslichen Mittagessen im Tösstal. Tochter Hanni organisierte Alphornbläser, das war wunderschön, denn Musik, vor allem Volkstümliches, gefällt mir immer».

Keine so unbeschwerte Jugend

Kinder stehen zwar im Zeichen unserer Titelbilder. Trotzdem oder gerade deswegen interessiert Sie vielleicht ein Bericht über eine Frau der älteren Generation. Auch sie war einmal ein Kind, hatte eine Jugend, die nicht so unbeschwert war, wie sie viele Kinder heutzutags erleben dürfen. Sie mag es aber allen gönnen, denen es heute gut geht. Freuen kann sie sich heute an sieben Enkelkindern, drei davon wachsen gleich in der nächsten Nachbarschaft in Gütighausen auf, zwei sind schon verheiratet, zwei leben im Welschland. Selber hat sie und ihr vor 21 Jahren verstorbener Mann drei Töchter und einen Sohn grossgezogen. «Einen guten Mann habe ich gehabt», meint Frau Ehrensberger. Noch heute hängt sein Bild in der Stube neben dem Hochzeitsfoto. Die Freude war damals riesig, als nach drei Mädchen noch ein Sohn geboren wurde. Es gab immer viel zu tun. Die vier Kinder mussten auf dem elterlichen Bauernhof wacker mithelfen. Am Sonntag habe ihr Mann, der auch ein paar Jahre im Gemeinderat war, am Stubentisch arbeiten müssen und jeweils zu ihr gesagt: «Mutter, gehe du mit den Kindern spazieren, so habe ich meine Ruhe beim Schreiben!» Die Arbeit im Stall mochte sie nie besonders, auf dem Feld, da musste sie aber schon viel arbeiten. Während der Kriegsjahre lernte sie noch Traktorfahren. Es waren harte Jahre. Den Mann und das Pferd hat man ihr weggenommen und als Bäuerin und Mutter war sie zuhause für alles verantwortlich.

Man spürt, dass Frau Ehrensberger schon früh lernen musste, allein zurecht zu kommen. Ihr Vater starb früh und ihre Mutter musste danach die fünf Kinder allein durchbringen. Trotzdem sei die Mutter neunzig Jahre alt geworden und immer eine fröhliche Frau geblieben.

«Es gibt so viel Streit auf der Welt»

Besonders am Herzen lag Frau Ehrensberger immer der Friede. Noch heute findet sie es etwas vom wichtigsten, wenn man friedlich miteinander umgeht. «Es gibt so viel Streit auf der Welt», bedauert sie. Zu allen ihren vier Kindern habe sie einen guten und engen Kontakt, auch zu den Enkeln, die sie oft besuchen oder anrufen, sogar aus dem Ausland. Sie hatte immer gern Kinder und sie glaubt, dass jetzt im hohen Alter auch etwas zurückkommt. Sie ist sehr froh, noch im eigenen Haus wohnen zu können. Ohne die Hilfe der Töchter, des Sohnes, des Schwiegersohnes und der Schwiegertochter wäre das nicht möglich. In der Stube steht ein Kachelofen, welcher im Winter mit Holz geheizt werden muss. Eine Zentralheizung gibt es nicht. Die «Holzburden» werden ihr ins Haus getragen, heizen, das könne sie aber schon noch allein. Auch heute noch kocht sie gerne selber. Jetzt ist sie aber doch dankbar, wenn sie von den Nachkommen ab und zu zum Essen eingeladen wird. Wenn sie aber allein ist, so trägt sie bei schönem Wetter noch sehr gerne das Essen auf den Tisch vor dem Haus und isst dann ganz allein draussen. «Da bin ich in der freien Natur, höre und sehe immer etwas, und die Mühe, den Teller hinauszutragen, ist kaum der Rede wert.» erklärt Frau Ehrensberger. Einkäufe erledigt ihr jetzt meist Tochter Elisabeth oder Schwiegertochter Myrtha. Das nimmt sie dankbar an.

Vom Stubenfenster den Garten sehen …

Vor den Fenstern stehen stattliche Kistchen mit roten Geranien, die sie allesamt überwintert und neu gezogen hat. Blumen haben Frau Ehrensberger schon immer viel bedeutet. Den Garten allerdings, kann sie dieses Jahr erstmals nicht mehr selber besorgen. Die Tochter und Schwiegertochter bepflanzen ihn jetzt. Das freut sie sehr, denn so sieht sie vom Stubenfenster aus immer in einen Garten, wo so mancherlei wächst und gedeiht.

Nicht zum ersten Mal will die 85jährige Frau auch dieses Jahr wieder mit in die Altersferien. Den Reisekoffer hat sie selber gepackt. Tochter Hanni, die am Tag unseres Gespräches bei ihrer Mutter weilt, habe nur noch kurz kontrollieren müssen. Natürlich hofft sie, dass alles gut geht. Als sich die Tochter verabschiedet, muntert sie ihre Mutter nochmals tüchtig auf: «Es wird schon alles gut gehen!»

Da staunten die Gäste der Geburtstagsfeier!

Es wird Zeit, dass ich mich von Frau Ehrensberger verabschiede. Vielleicht wird ihr das viele Reden auch langsam zuviel. Nein, sie müsse mir noch schnell etwas zeigen, in ihrer Kammer gleich nebenan. An der Wand hängt ein Büschel grauer Haare. Ich lasse mir erklären: «Zu meinem Geburtstagsfest habe ich mir fest vorgenommen, die langen Haare abzuschneiden. Ohne jemandem etwas zu sagen, habe ich mich zum Coiffeur angemeldet und mit Kurzhaarfrisur bin ich am Geburtstagsfest vor den Gästen gestanden.» Da läuft sie Zeit ihres Lebens mit Zöpfen oder Riebel herum und mit 85 Jahren rafft sie sich zu einem neuen Haarschnitt auf. Man höre und staune!

Ich nehme an, die Zeit, in der die Jubilarin den grossen Geburtstag feiern konnte, war hektisch genug. Es werden wieder andere Tage kommen, an denen in Bertas Stube niemand auf Besuch weilt. Nur das Ticken der alten Wanduhr oder das Klappern der Stricknadeln wird dann zu hören sein, wenn Frau Ehrensberger wieder ein Paar Wollsocken stricken wird.

Marlies Schwarz

Erinnerungen an die Schule während der Kriegszeit: «Frl. Viola, Verweserin, erteilt einen guten und anschaulichen Unterricht»

Dieser Vermerk im Visitationsbuch ist der einzige amtliche Hinweis auf das Wirken von Fräulein Viola in Thalheim. Die im Sommer 1940 erst neunzehnjährige Dora Viola war nur wenige Wochen hier. Sie hat aber bei uns Kindern einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich fünfzig Jahre später auf Spurensuche ging – in der Hoffnung, die Lehrerin, die mir so recht eigentlich «den Knopf aufgetan» hat zu finden, um ihr für die begeisternden Schulwochen in einer sonst so düsteren Zeit zu danken.

Spurensuche mit Hilfe des Zufalls und des kantonalen Vikariatsbüros

Ich bin durch Zufall und dank einfühlsamer Mithilfe des kantonalen Vikariatsbüros inzwischen fündig geworden. Aus dem Frl. Viola ist eine Frau Altheer und Mutter von vier Kindern geworden. Sie lebt heute mit ihrem Mann, dem vormaligen Telefondirektor des Kantons Zürich, in einem wunderschönen, stilgerecht renovierten alten Schulhaus in Rehetobel, Appenzell-Ausserrhoden.

Meine Frau und ich haben Familie Altheer-Viola kürzlich besucht und – was unvermeidlich war – Erinnerungen an jenen bedrohlichen Sommer 1940 ausgetauscht. Dabei hat Frau Altheer die Umstände geschildert, wie die Seminaristen, völlig unvorbereitet, einspringen mussten, um die im Aktivdienst stehenden Lehrer zu ersetzen. Wir haben ihre Erinnerungen – die sie lachend erzählt hat – so eindrücklich gefunden, dass wir sie gebeten haben uns wenigstens ihre Reise nach Thalheim und den Schulbeginn niederzuschreiben als Beitrag in die Dorfposcht Der nachstehende Bericht aus ihrer Feder gibt einen treffenden Einblick in den Alltag jener Zeit. Oft wünschten wir uns, dass jüngere Mitbürger- und Bürgerinnen sich vermehrt ein Bild machen würden über die harten Umstände jener schwierigen Zeit und über die Opferbereitschaft ihrer Eltern und Grosseltern.

Ernst Basler, zum Grundstein Thalheim an der Thur


Erinnerungen an Thalheim

Samstagmorgen, Mitte August 1940

Muss jetzt das Telefon läuten, wenn ich mitten am Kochen bin!

Nach einer mühsamen Zeit der Getreideernte habe ich meine Eltern auf ein paar Tage zum Ausruhen weggeschickt. Zusammen mit meinem zerebral gelähmten Bruder und zwei Hilfsknechten besorge ich den grossen Bauernhof. Aber morgen werden die Eltern heimkehren. Was will das Telefon? Ich bin an einer wichtigen Arbeit, aber beharrlich klingelt es!

Am anderen Ende des Drahtes meldet sich der Sekretär der Erziehungsdirektion: «Sie werden am Montagmorgen die Schule in Thalheim übernehmen, 4.–8. Klasse. Der Lehrer ist schon seit Wochen im Militärdienst, nähere Angaben haben wir keine. Die schriftliche Bestätigung erhalten Sie nächste Woche».

Züge ins Weinland sind rar.

Thalheim? Wo liegt das? «Ich koche für dich weiter», meint mein Bruder, «such du unterdessen Karte und Fahrplan».
Diesmal kann ich nicht mit meinem alten Velo zur Stellvertretung fahren, denn das Weinland liegt weit weg. Die Züge vom Zürichsee ins Weinland sind sehr rar, es ist ja Kriegszeit und die wenigen Züge werden oft vom Militär gebraucht. Wenn ich am Sonntagmorgen von hier wegreise, erwische ich nur den Abendzug nach Thalheim. Wann bleibt mir noch Zeit, um mich nach der Schule zu erkundigen und eine Unterkunft zu finden?
«Und wenn du gleich jetzt wegfährst und bei meiner Freundin in Winterthur übernachtest?» rät meine Schwester, die eben von der Arbeit im Kindergarten heimkehrt.
Nach einer kurzen telefonischen Anfrage ist es klar: Ich muss sofort alles Nötige zusammenraffen, Rucksack und Koffer packen und nach Winterthur reisen. Dort werde ich bei Margrith schlafen und am Sonntag den ersten Zug nach Thalheim benützen, Abfahrt 9 Uhr.

In Thalheim bin ich die einzige Reisende, die den kurzen Zug verlässt. Der Bahnhofvorstand mit der Kelle mustert mich von oben bis unten und von unten bis oben. «Aha, Sie suchen das Schulhaus und den Schulpräsidenten», meint er staunend, «da werden die Kinder keine Freude haben, dass die Schule wieder beginnt. Philipp, hol den Leiterwagen, lade Koffer und Rucksack ein und begleite das Fräulein zum Roggensinger»!

Ein etwa elfjähriger Knabe führt mich in das Dorf, das eingebettet liegt am Rande der Thurebene. Kein Wort spricht er, und ich – mit meinen knapp neun Jahren mehr an Alter – was soll ich fragen?

Der Vorgänger hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten!

Ich klopfe an der Stubentür des Schulpräsidenten. Auch er mustert mich: «Das Schulhaus haben Sie wohl gesehen. Die Kinder hatten einige Tage frei. Haben Sie gute Nerven? Ihre Vorgängerin erlitt einen Nervenzusammenbruch bei dieser Rasselbande. Ein Lehrer wäre eben schon besser»!
«Darf ich noch um eine Unterkunft fragen?»
«Gehen Sie zu Frau Basler dort im kleinen Haus oberhalb des Dorfes, die Vikarin von Gütighausen wohnt auch dort. Und nun machen Sie’s gut! Äh … was ich noch sagen wollte: im Untergeschoss des Schulhauses wohnen zur Zeit internierte französische Soldaten».

Im Schulzimmer herrscht eine unglaubliche Unordnung!

Beim Betreten des Schulzimmers steigen mir die Tränen hoch: Diese Unordnung! Da steht, liegt und hängt alles herum, als wären die Schüler erst in die Pause entwichen. «So, nun stelle ich meinen Mann. Schliesslich ist es nicht die erste Mehrklassenschule, die ich stellvertretend betreue!» nehme ich mir vor.

Die Tintenfässer sind noch offen.

Im Lehrerpult finde ich die Abszenzenliste, die mir Auskunft gibt über Anzahl, Alter und Eltern der Schüler. Dort hinten sind die höheren Schulbänke, dort werden die Kinder vom siebten und achten Schuljahr «hausen». Gleich anschliessend ans Pult stehen niedrigere Schulbänke, die Tintenfässer noch geöffnet, unzählige Tintenflecken zieren die Bankklappen. Unter den Bänken im Wirrwarr von Büchern und Heften suche ich nach dem Stand der Klassen. Kaum habe ich Zeit, mein Mittagsbrot zu geniessen. Denn – was werde ich mit diesen Schülern erarbeiten? Wie lange wird diese Stellvertretung dauern? Ich brüte über die möglichen Themen zur Geografie, Geschichte, Naturkunde, denn diese Fächer verlangen gründliche Vorbereitung, sollen sie für Schüler und Lehrer erquicklich sein. Das alte Rechenbuch gibt keine Probleme. Lesen, erklären und Grammatik brauchen da schon mehr Geduld und Fantasie. Also los! Ich zeichne den Grammatikwagen an die Wandtafel: Die Wagenbrücke trägt Kisten mit der Aufschrift Hauptwort, Eigenschaftswort und Bindewort. In den Rädern stecken die Tunwörter, die treiben alles vorwärts und verändern sich.

Ich blicke durchs Schulzimmerfenster auf die abgeernteten Felder. Kennen die Schüler den Keimungsvorgang, die Symbiose von Klee und Getreide?
Und die Mäuse?
Und wie beginne ich den Schultag? Mit Turnen, Singen oder gar Kurzgeschichten-Erzählen? Zuerst muss ich die Schüler vor mir sehen, dann kann ich entscheiden.

Die französischen Soldaten im Schulhaus.

Es klopft an der Schulzimmertüre. Draussen steht ein französischer Soldat. Er sei Kunstmaler – ob ich ihm Papier, Pinsel und Farben leihen könnte, er sterbe sonst vor Heimweh. Im Kasten liegen einige Blätter, die Farben sind alt, die Pinsel zum Teil enthaart, aber etwas darf ich wohl herausgeben.
«Gibt es kein Klavier im Zimmer?» drängt sich ein Zweiter herein. «Ich bin Musiker und möchte gerne musizieren». Da kann ich nicht helfen – ausser mit dem Hinweis auf unsere Stimme. Sie ist auch ein Instrument! Wie sind sie froh um meine Französisch-Kenntnisse. Am Abend zwänge ich mich mit Koffer und Rucksack durch die Reihe der Internierten und suche meine Unterkunft.
«Es gibt hat nur noch ein Kämmerchen zum Schlafen», entschuldigt sich meine «Schlummermutter». Ein Bett, ein Kasten, ein Stuhl füllen es aus. Schreib- und Vorbereitungsarbeiten werde ich im Schulzimmer besorgen.

Als ich nach fünf Wochen mit Sack und Pack zum Bahnhof wandere, wird mir ganz weh zumute. Alles ist mir lieb geworden: die Kinder mit ihren Sorgen und Nöten, aber auch ihr herzhaftes Lachen, die Landschaft, deren Zauber ich noch heute spüre, die Thur, an deren Ufer ich mit den Buben und Mädchen turnte, badete und Ball spielte, das Schulzimmer, in dem unser Singen fröhlich und rein klang.
Der französische Musiker lehrte uns «Frère Jacques» im Kanon singen, er aber lernte von uns «Es Purebüebli …» und «Auf, du junger Wandersmann …». Pinsel und Farben sandte mit meine Mutter und wir aquarellierten das «gewürfelte» Weinland unter kundiger Leitung.

Nun aber gilt es, vorwärts zu blicken, trage ich doch in der Tasche bereits die schriftliche Aufforderung für eine Stellvertretung im Zürcher Oberland an einer Fünfklassen-Schule.

Leserbrief: ZVV

Vor einigenTagen war in verschiedenen Zeitungen zuerst über das geplante Randstundenkonzept des Zürcher Verkehrsverbundes, ZVV, berichtet worden (Siehe auch vorhergehende Seite. Red.).

Es ist positiv, dass sich die Behörden für die Bahn einsetzen!

Kurz darauf konnte man auch über die Reaktionen der Gemeinden entlang der «Stammerlinie» lesen. Ich habe mich sehr gefreut zu lesen, dass sich alle Gemeindebehörden für die Bahn einsetzen und vor allem auch, dass sie so rasch reagiert haben. Es wäre ja wirklich eigenartig, wenn nach all den schon realisierten und noch geplanten Modernisierungen an dieser Strecke schliesslich doch ein Bus eingesetzt würde. Der Bus hat, neben wenigen eventuellen Vorteilen, ganz sicher weit mehr Nachteile. Welche und wie sie sich auswirken könnten, ist in den verschiedenen Berichten gut dargestellt.

Rückhalt der Bevölkerung!

Es hat meiner Meinung nach auch verschiedene gute Vorschläge, wie die Rentabilität der Strecke gesteigert werden könnte, ohne die grossen Nachteile des Busverkehrs in Kauf nehmen zu müssen. Ich hoffe sehr, die Gemeindevertreter finden den nötigen Rückhalt für ihren Einsatz für die Bahn auch in der Bevölkerung und es könne schliesslich eine akzeptable Lösung gefunden werden.

Christine Jordi-Morf

Leserbrief: Nicht zu Hause in Stammheim?

Wie ich aus Gesprächen mit älteren Leuten immer wieder heraushöre, haben die meisten Mühe mit den Gedanken, einmal im Alters- oder sogar Pflegeheim zu wohnen. Ganz offensichtlich kommt auch zum Ausdruck, dass Stammheim doch eben nicht so der Ort sei, wo sie sich zu Hause fühlen könnten.

Alle Bekannten sind in Seuzach …

Die Gründe dafür habe ich teilweise auch vernommen. (Ich versuche es einigermassen so weiterzugeben, wie ich es verstanden habe.)

Wir kennen dort ja niemanden.

Wer besucht uns dort? (Liegt nicht am Weg.)

Altiker Senioren, die wir noch kennen würden, sind in Seuzach.

Das sind so die drei Aussagen, die ich persönlich sehr ernst nehme. Auch begreife ich diese Argumente sehr gut. Man muss sich nur in die Situation eines 70–80 jährigen Menschen versetzen: Fünfzig Jahre in Thalheim-Gütighausen gelebt, Freunde, Bekannte, Verwandte, alle in der näheren Umgebung, die Kinder haben eigene Familien, eines Tages allein (Partner/in gestorben), noch aktiv genug, Haus und Garten selbst zu besorgen. Plötzlich schwinden die Kräfte, der Tag X ist da, man schafft es nicht mehr allein. Die Gedanken, alles aufzugeben und zusätzlich noch in ein fremdes Dorf, zu fremden Leuten zu ziehen, das drückt schwer auf das Gemüt. Die Kinder sind weiter weg, die Nachbarin ist auch nicht mehr so gut zu Fuss und hat kein Auto. Die Senioren/innen im Dorf haben doch eher die Chance, nach Winterthur mitgenommen zu werden, nach Stammheim fährt man doch schon eher weniger. Kinder aus dem Dorf sieht man auch nicht mehr, obwohl man sich an ihnen gefreut hat und ihr Gedeihen verfolgt hat. Wie gerne würde man auch wieder mal den Friedhof besuchen. Alles muss man fragen, obwohl man früher so eine selbständige Person war. War’s das? Fragt man sich vermutlich öfters.

Gerade jetzt lohnt es sich, über das Projekt Alterswohnungen zu sprechen

Meiner Meinung nach wäre es sicher ideal, in unserer Gemeinde ein paar Alterswohnungen zu haben. Sicher werden sich einige von unseren Lesern jetzt sagen: Wir haben ja einmal eine Umfrage gemacht, ob sich Interessenten für solche Wohnungen melden würden. Es hat sich niemand gemeldet. Stimmt! Für ein solches Vorhaben müsste behutsameres Vorgehen angewendet werden. Das ist nicht ein Entscheid, den man allein in der Stube über einem Blatt Papier gebeugt fällen kann. Meine Überzeugung ist, dass es sich in unserer Gemeinde lohnen würde, über ein solches Projekt zu sprechen, gerade jetzt, wo man über den Verkauf «unserer Schulhäuser» spricht.

Marlis Rengel

Leserbrief: Hunde, die bellen, beissen doch.

Im Frühjahr dieses Jahres fuhren mein siebenjähriger Sohn und ich mit dem Velo an die Thur. Ich hatte meinen Hund vorschriftsgemäss an der Leine und am Velo angebunden.

Etwa zweihundert Meter vor der einen Siedlung blockierte beim Sohn das Velorad. Sofort haben wir angehalten, um nachzusehen, was passiert sei.

Angriff des Berhardiners

In diesem Moment steht bellend und knurrend ein grosser Bernhardiner-Hund vor uns. Das Kind bekommt Angst und fängt an zu weinen. Unser Hund knurrt ebenfalls. Ich versuchte laut schimpfend und in der Hoffnung, dass jemand kommt, den Hund wegzujagen – erfolglos. Ein kurzer Moment und unser Hund wird am Rücken und After mehrmals gebissen.

Keine Einsicht der Hundehalterin

Leider waren die Wunden so tief, dass wir trotz täglicher Wundbehandlung einige Tage später die Tierärztin aufsuchen mussten. Die Hunde-Halterin haben wir darüber informiert. Ihre Einsicht ist leider sehr kurzsichtig und dürfte auch für das Wild fatale Folgen haben, denn den gleichen Hund haben wir und auch andere Spaziergänger diverse Male später am Waldrand angetroffen, also wieder freilaufend. Hofhund ja – aber bei Abwesenheit sollte das (gehörlose) Tier angebunden werden.

Die Rechnung für die Tierarztkosten haben wir, nachdem sie von der verantwortungslosen Hundehalterin retourniert wurde – selbst beglichen.

Robert und Brigitte Keller, Thalheim

Eine komplett randständige Idee: Das Randstundenkonzept des ZVV

Die Gemeinden entlang der S-29-Linie setzen sich gegen das geplante «Randstundenkonzept» des ZVV zur Wehr. Worum geht es überhaupt?

Busse statt Bahn in den Randstunden!

Der ZVV plant, dass ab dem Fahrplanwechsel l999 unter anderem auch auf der S-29 (Winterthur-Stein am Rhein) abends ab 20 Uhr keine Züge mehr verkehren, statt dessen soll die Verbindung mit einem Busbetrieb aufrecht erhalten werden. Dieser Bus würde ab Winterthur via den Rosenberg nach Seuzach und von dort über Welsikon, Thalheim, Gütighausen, Ossingen, Waltalingen, Stammheim nach Stein am Rhein fahren. Laut ZVV sollen damit Einsparungen von rund 1, 7 Millionen Franken erzielbar sein. Die RVK (Regionale Verkehrskonferenz) Weinland setzte sich mit diesem Konzept auseinander und stellte fest, dass daran einiges «faul» ist.

[ZVV-Schmähung. Illu von ms]

Da ist einiges faul!

Der Bus kann nicht zu den Bahnhöfen verkehren, sondern soll z.B. in Seuzach beim «Kreisel» und in Ossingen bei der Abzweigung nach Gütighausen halten (in Stammheim ist die Lage noch unklar, Halt vermutlich bei der Post Unterstammheim). Damit ist aber dem Pendlerverkehr nicht geholfen, denn wer sein Velo oder Auto beim Bahnhof hat, muss es auch dort wieder abholen. Eine Fahrt zu den Bahnhöfen würde indessen die Busfahrt noch unattraktiver machen, zudem würde die Fahrdauer länger und in Stein am Rhein wären die Anschlüsse an den Untersee nicht mehr gewährleistet.

Die vom ZVV vorgerechneten «Einsparungen» sind nicht erreichbar. Einerseits würden die Ertragsrückgänge sicher höher ausfallen als die vom ZVV angenommenen fünf Prozent (es liegen Vergleichszahlen von der auf Bus umgestellten Strecke Gossau–Weinfelden vor, die Einbussen von 18 Prozent brachten; bezeichnenderweise waren diese Zahlen dem ZVV nicht einmal bekannt!). Andererseits aber sind die Einsparungen «falsch» berechnet. Der ZVV rechnet mit 18 Prozent weniger Zugverkehr, was 18 Prozent weniger Kosten ergebe. Dies ist aber unwahr, weil die Bahnkosten zu zwei Dritteln aus Fixkosten (Rollmaterial, Schienen etc.) bestehen, die auch dann anfallen, wenn abends kein Zug mehr fährt. Zwar stimmt es, dass diese Kosten nicht vom ZVV berappt werden müssen, doch deshalb verschwinden sie nicht einfach. Volkswirtschaftlich betrachtet, bringt die Umstellung keine Einsparung, sondern gar Mehrkosten.

Frequenzzuwachs von 70 Prozent

Die S-29 ist nach dem in diesem Sommer durchzuführenden Umbau eine der am besten rationalisierten Bahnlinien der ganzen Schweiz. Für die Betriebsabwicklung werden nur noch zwei Lokführer benötigt. Seit 1990 verzeichnet die Linie einen Frequenzzuwachs von 70 Prozent; seit der Einführung des Morgen-Zusatzzuges im Jahr 1995 konnte die Tagesfrequenz nochmals um 13 Prozent erhöht werden. Es ist ein Schelmenstück, wenn dieser Erfolg mit einem nicht durchdachten Konzept in Frage gestellt werden soll.

Randregionen sollen für Mehrkosten geradestehen!

Während bei uns an Leistungen abgebaut werden soll, wird andernorts weiter ausgebaut. So soll an der «Goldküste» der Viertelstundentakt eingeführt werden, was Kosten von zehn Millionen Franken verursacht. Auch wenn die ZVV-Verantwortlichen dies bestreiten, so ist doch anzunehmen, dass wir im Weinland (nebst anderen Randregionen) für diese Mehrkosten geradestehen sollen. Nachdem die S-29 seit längerem als «Stiefkind» behandelt wird (erinnert sei an den falschen Takt), entsteht unweigerlich der Eindruck, dass es sich weniger um ein «Randstunden-», dafür um so mehr um ein «Randständigenkonzept» handelt.

Der zehnseitige Bericht der RVK bringt noch eine ganze Reihe von weiteren Argumenten vor, der Bericht kann von interessierten Einwohnern bei der Gemeindekanzlei gratis bezogen werden.

Die Gemeinden haben unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie das Ansinnen des ZVV unmissverständlich und geschlossen ablehnen. Ob dies viel nützt, ist freilich eine andere Frage, juristisch haben die Gemeinden, obwohl sie zusammen fünfzig Prozent des ZVV-Defizits tragen, keine Einflussmöglichkeit; entscheiden wird auf Antrag des Verkehrsrates der Regierungsrat.

Helfen Sie mit, das Randstundenkonzept zu Fall zu bringen!

Das Randstundenkonzept kann nur dann noch zu Fall gebracht werden, wenn der nötige politische Druck dagegen entsteht. In diesem Sinne kann jeder einzelne, also auch Sie dazu beitragen, z.B. indem Sie Ihnen bekannte Politiker «einspannen», Leserbriefe schreiben und aktiv werden.

Ausfahrt an Auffahrt

Sie ist schon zur Tradition geworden und scheint nach wie vor beliebt zu sein. Dieses Jahr besuchten wir das Zürcher Oberland. Die hügelige Landschaft zeigte sich von der prächtigen Seite und hatte es uns besonders angetan.

Gottesdienst in Gossau: Lange, aber abwechslungsreich

In Gossau besuchten wir den regionalen Gottesdienst. Er dauerte zwar etwas lange, war aber mit der Mitwirkung eines Singkreises und eines Trompetenspielers recht abwechslungsreich. Anschliessend wurden wir in Grüningen von Gemeindeschreiber Emil Gehri empfangen. Als engagierter Heimatkundler machte er uns zuerst im Schlosshof, dann im Schlossmuseum und zuletzt im alten Städtchen vertraut mit der Geschichte und der heutigen Lage dieser ehemaligen Landvogtei. Er verstand es, die einstündige Führung kurzweilig, dabei humorvoll und interessant zu gestalten.

Mittagessen im «Adler»

Für das Mittagessen hatten wir eine gute Adresse erhalten: Im «Adler» waren sowohl die Ambiance wie auch das Essen ausgezeichnet. Vor der Wegfahrt gab es noch ein Gruppenbild vor dem monumentalen Wirtshausschild, dem grössten seiner Art im Kanton Zürich. Bei unserem kurzen Abstecher in den Botanischen Garten wurden wir noch von einigen Regentropfen überrascht. So war es, etwas später als in früheren Jahren, nun wirklich Zeit für die Heimkehr.

Spieltag in den Heuferien

Die Kinder der Sonntagschule hatten ihre Carfahrt schon im Winter zum Schlitteln eingezogen. So machten sie sich in Begleitung von Heidi Rauschenberger zu Fuss auf. Am Morgen waren noch Regentropfen gefallen, doch es sollte nur besser werden. Bei der Jägerhütte im Schlattwald traf man sich mit der Altiker Sonntagschule a m Feuer zum Mittagessen. Die verschiedenen Spiele für kleine und grössere Kinder liessen die Zeit viel zu rasch vorbeigehen.

Trotzdem wollte am Schluss niemand auf die Schnitzeljagd verzichten und da sich einige dabei allzu gut versteckten, kamen wir auch an diesem Tag mit Verspätung nach Hause.

Susanne Morand

Rund um die Kirche: Konstitution der Kirchpflege

Nach den Wahlen im Frühjahr sind nun die Behörden beider Gemeinden des Pfarramtes Thalheim-Altikon vollständig und bereit ihre Aufgaben zu übernehmen.

Bevor es an die Neuverteilung der Aufgaben ging, galt es Abschied nehmen von sechs geschätzten, liebgewonnen Amtskolleginnen und Kollegen aus Altikon und Thalheim. Eine gemeinsame Reise, die Besichtigung des Klosters Fischingen und ein gemeinsames Nachtessen boten einen schönen Rahmen für diesen Übergang und den Dank an die scheidenden und die Begrüssung der neu gewählten Mitglieder.

Zum Abschluss der acht Jahre Mitarbeit in der Kirchenpflege Thalheim, wurde Christine Schleuss mit einem grossen Blumenstrauss und acht symbolischen Geschenken und herzlichem Dank für ihr Engagement verabschiedet.

Ressortverteilung

Inwischen hat die Kirchenpflege Thalheim an der ersten Sitzung in der neuen Zusammensetztung die Ressortverteilung festgelegt:

Walter Jordi
Präsident, Planung, Koordination, Zusammenarbeit mit der Kirchenpflege Altikon

Eugen Morf
Vizepräsident, Kirchengutsverwaltung, Kollektenplan, Gebäudeunterhalt

Christina Baer
Kinder- und Jugendarbeit, Veranstaltungen, Altersarbeit, Leitung der Sigristinnendienste

Barbara Keller
Mission, Oekumene, Kirchenmusik, Erwachsenen-, Eltern- und Familienarbeit (Winterprogramm)

Corinne Kübler
Aktuariat, Protokolle, Korrespondenz, Öffentlichkeitsarbeit, Berichte, Drucksachen

wjo