Ein bisschen Gwunder ist nicht schlecht…

Es ist Sonntag Abend, kurz nach acht Uhr. Ich gehe gegen unseren Garten. Auf der anderen Strassenseite kommen zwei junge Frauen daher. Sie sehen sich suchend um. Was sie wohl möchten? Die eine trägt einen Ordner in den Händen – ob ich mich wohl verdrücken soll? Aber dann sticht mich doch der Gwunder. So lasse ich die beiden auf mich zukommen. Die eine (die andere) beginnt: «Entschuldigung bitte, ich weiss, es ist Sonntag, die Löite haben nicht gern, wenn man stört.» (Da scheint Erfahrung dahinter zu sein.)

Sie lächelt mich schüchtern an. Sie sagt: «Wir kommen aus Ungarn, aus Szeged, wo das Gulasch herkommt. Wir sind eine Woche in Frauenfeld in einem Seminar, wir wollen Lehrerinnen werden. Ich spreche nicht gut Deutsch, Englisch kann ich besser. – Wir kommen am Sonntag, weil wir unter der Woche Schule haben.»

Ihre Begleiterin, die gar kein Deutsch spricht, blättert die Seiten in ihrem Ordner durch; zwischen den Folien sind typisch ungarische Handarbeiten zu sehen, Deckeli, bunte Stickereien auf sehr feinem Hintergrund. Ich sage, dass ich die Handarbeiten sehr schön finde und probiere zu erklären, dass wir eigentlich genügend Deckeli besässen. Wir reden noch weiter, kommen auf gewisse Schwierigkeiten und Feinheiten der Sprache. Sie würde schon gern besser Deutsch sprechen können. Wir reden vom Unterschied: «Ich habe gehört, dass…» und «Dieses Buch gehört mir…»

Nach einigem Hin und Her bin ich soweit, dass ich es nicht mehr fertigbringe, die beiden einfach wegzuschicken, also wird der Handel perfekt.

Um halb neun würden sie von ihrer Schweizer Freundin am Dorfende abgeholt. Liebenswürdig verabschieden sie sich. Die Sprecherin fasst mich an der Schulter und sagt: «Vielen, vielen Dank – nicht nur dafür, dass Sie uns etwas abgekauft haben – nein, auch dafür, dass Sie mit uns gesprochen haben!» Sie winken noch, dann sind sie weg.

Und nun denke ich, dass ein bisschen Gwunder gar nicht schlecht ist, dass eine sogenannte Störung zu einer guten, interessanten Begegnung führen kann, dass die freundliche Beharrlichkeit und Offenheit der jungen Frauen ihnen an diesem Sonntagabend ein positives Erlebnis gebracht hat.

Das Deckeli mit dem filigranen Hintergrund, dem Blumenstrauss mit starken, etwas knalligen Farben ist eine schöne Erinnerung

Ich könnte es eigentlich einrahmen.

Els Morf

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