Unsere Flurnamen – Verbindungen mit der umgebenden Welt

Neben der praktischen Seite für die alltäglichen Abläufe kommen die Flurnamen auch psychischen Bedürfnissen entgegen, wie sie im Verhältnis zwischen Mensch und Welt im Spiel sind. Haben wir mit etwas eine innigere Beziehung, so wird dies gerne dadurch ausgedrückt, dass man ihm einen Namen gibt, den man sprechend zum klingen bringt und hören kann. Den Namen zu kennen und zu brauchen, schafft Nähe, hebt die kühle Anonymität auf, bringt das Gesicht einer Landschaft, eines Feldes, einer Waldpartie sprachlich zum Ausdruck. Die bekannte Flur, das heimatliche Dorf und Quartier, die zugehörigen Menschen, auch das Haustier – das Ansprechen mit dem Namen lässt eine besondere Verbindung aufleuchten, schafft ein Stück von Vertrautheit. Die festen Lokalbezeichnungen machen einen Teil der Verankerung des Menschen mit seiner Umgebung aus, einer Verbindung, die im Fluss der fortwährenden Veränderungen mehr denn je als notwendig empfunden wird.

Geeren: Gütighauser Flur ob der Bahnlinie, auch Hofsiedlung. Hier gab eine auffällige Parzellenform, die auch im alten Wegnetz zu erkennen war, den Ausschlag zum Namen. Als «Geer/Geeren» bezeichnete man ein spitzwinklig zulaufendes Feld. Das Wort geht auf ‹Ger› zurück, den spitzig-scharfen Spiess der Germanen; wir reden noch von der Gehrung bei einem schräg geschnittenen Stück Holz. Im «Geeren» befand sich ein Acker, welcher dem geläufigen Schema einer rechteckigen Parzelle zuwider lief. Für die wichtigste Arbeit auf dem Ackerfeld, das Ziehen der Furchen mit dem Pflug
(‹z Acker fahre›), hatte sich ja die lange Streifenform als praktisch herausgestellt, weil dann der Arbeitsfluss nicht ständig durch das aufwändige Wendemanöver mit dem Ochsen­gespann unterbrochen wurde. Und hier lag also die Ausnahme mit der entsprechenden Benennung vor: ein Feld in spitzwinkliger Form, eben in «Geeren».

Loo: Ebenfalls eine Flurbezeichnung, die in einem Hofnamen weiterlebt, an der Stationsstrasse gegen Altikon. «Loo» bezeichnet lichten, lockeren Buschwald, der gelegentlich auch als Weide genutzt werden konnte. Der Name ist darum meistens in der Übergangszone von Wald und Weideland anzutreffen, so wie in unserem Fall, wo er sowohl für das Waldareal wie die anstossende Feldflur gebraucht wird. Bei der jüngsten Grenzkorrektur wurde ein Stück des dortigen Gehölzes der Gemeinde Altikon zugeteilt, vorher gehörte die Hauptsache den Thalheimern. Dass «Loo» einst eine allgemein vertraute Sache war, zeigt sich darin, dass es ein weiteres so benanntes ‹Hölzchen› gibt, «Ober-Loo», das ebenfalls in seinem Bestand im Laufe der Zeit durch Rodungen rundum beschnitten wurde (oben beim Schützenhaus).

Binzacker: Draussen am Grütgraben gelegenes Areal. Dass ein auffälliger Bewuchs zu einem Namen führte, war nichts Ungewöhnliches. In der breiten Schwemmlandzone, welche die zeitweise hochgehende Thur geschaffen hatte, drückte sich das aus in Benennungen wie dem ‹Asper-Feld› (Aspe, Espe, Pappel) oder im «Binz-Acker». «Binz» ist die mundartliche Form von Binse, dem Schilfgras; von diesen zähen Pflanzen, muss ein Teil des dortigen Ackerfeldes geprägt worden sein. «Acker» oder «Acher»? Aus dem ‹Ackar› des Mittelalters wurde im Grossteil der Schweiz das weichere «Acher» gebildet, während sich nordöstlich einer Linie Tössegg-Hörnli-Sargans das kräftige, alte «Acker» hielt, so im Thalheimer «Binz-Acker» und dem Gütighauser «Wibel-Acker».

Stocki: Flur im Huebbachbogen gegen den Schlattwald zu. Zwar gedeihen da Kartoffeln im Sedimentboden gut, aber dass deswegen eine Flur ihren Namen von der modernen Form des ‹Härdöpfelstocks› bekommen hätte, dazu ist das Produkt aus dem Sortiment der Nahrungsmittel doch etwas zu neumodisch. «Stocki» weist weit zurück in die Vor-Kartoffel-Zeit, als Kulturland durch Rodung gewonnen wurde. Während viele Namen mit ‹Rüti› (reuten) ganz allgemein von diesem Schritt in der Urbarisierung kundtun, berichtet «Stocki» von einer speziellen Art der Landgewinnung. In diesem Fall wurden in einem ersten Schritt die Sträucher und Bäume entfernt, in der Regel durch Abbrennen. Grosse Wurzelstöcke liess man dabei etliche Jahre im Boden, schnitt die Austriebe laufend weg und pflügte darum herum; erst dann wurden die Stöcke, deren feinere Wurzeln nun abgestorben waren, in mühsamer Arbeit ausgegraben. Und das Feld bekam den zutreffenden Namen «Stocki» mit der typischen i-Endung.

Schützenmur: Hanglehne ob Thalheim an der Strasse nach Berg, heute eine der Bauzonen. Bei der «Schützemur» stand eine mannshohe Mauer für die Zielscheibe. Geschossen wurde, in aufrecht stehender Position, auf 200 Doppelschritt (ca. 160 Meter), vom Dorfrand aus. Ein Schützenhaus gab es nicht, man wird gelegentlich als Behelf ein Schutzdächlein erstellt haben. Als der Zürcher Staat das Militär reorganisierte und ausbaute, wurden in Dörfern, die etwas auf sich gaben, ‹Zihlstätten› eingerichtet; in Dorlikon/Thalheim wohl unter Leitung von Rottmeister (Zugführer) Basler, dessen Affinität zum Schützenwesen sein Wappen mit den drei Pfeilen zeigt. Anfangs war das Schiessen mit der privat anzuschaffenden Vorderlader-Muskete eine kostspielige Sache, für Gutbetuchte. Mit der subventionierten Abgabe von Gewehren im 18. Jahrhundert fand das Schiessen die erwünschte Verbreitung, so dass die mit Schusswaffen ausgerüsteten Landleute zu den Eigentümlichkeiten der Schweiz zählten. Die «Schützemur» für den lokalen Schiessbetrieb, wo es galt, ins Schwarze zu treffen, gehörte zu den selbstverständlichen Zeichen der Wehrtüchtigkeit – und in der Adresse hat sich ein schönes Andenken an den Beginn einer langen dörflichen Tradition gehalten.

Text: Reinhard Nägeli, Bilder: Redaktionsteam

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