Unsere Flurnamen – Haltbares im Wandel der Zeiten

Namen, die einem Stück Erde gelten, haben Bodenhaftung im wahrsten Sinne. So haben sich manche Flurnamen durch Jahrhunderte bemerkenswert stabil gehalten; sie unterliegen dem Zeitgeist in geringem Masse. Sogar nicht mehr verstandene blieben bewahrt, wurden allenfalls durch den Gebrauch und die Sprachentwicklung etwas abgeschliffen. Schon früher zählten sie zum Gültigen, atmeten Ursprünglichkeit, gehörten zum traditionellen Rahmen. Weil das Leben seit je mit schicksalshaften Wendungen aufwartete, hielten sich die Menschen gerne an Gegebenheiten, die schon vor der persönlichen Existenz bestanden und über Generationen hinaus fortdauerten. Und in Zeiten, wo Neuerungen, Kurzfristiges und Provisorien als üblich erlebt werden, sind die Flurnamen mit ihrer Dauerhaftigkeit grundlegende Elemente, die ein gutes Stück weit Verlässlichkeit zu vermitteln vermögen.

Wibelacker

Gütighauser Flur mit sanfter Aufwölbung, rechts der Strasse nach Andelfingen, wo die Kurve für die Bahnüberführung ansetzt. In «Wibel-» (kurzes -i-) steckt das alte Wort für den Kornwurm, ein schabenartiges Insekt; ‹wibble› sagte man, wenn es krabbelte und wimmelte. «Wibel» befielen als schlimme Schädlinge, massenhaft auftretend, Getreide, Bohnen, Linsen und vernichteten ganze Ernten. Eine Chronik berichtet, 1536 habe sich ein Bauer bei Effretikon erhängt, weil ‹die Wibel in das Korn warend kommen›; «Wibel»-Invasionen waren so gefürchtet wie die biblische Plage der Heuschrecken. Unser «Wibel-Acker» wird als reifes Kornfeld durch derartige Insektenschwärme verheerend heimgesucht worden sein, was den eindrücklichen Namen nach sich zog. Die Benennung erinnert daran, welchen Gefährdungen die Kulturen in Feldern und Gärten ausgesetzt waren, mit grauenhaften Schäden – Katastrophen, denen man in vorchemischer Zeit weitgehend machtlos gegenüberstand.

Langärgeten

Waldrevier bei der Hofsiedlung Guggenbühl, links der Niederwilerstrasse. «Ärgete» ist eine Bezeichnung, die auch als ‹Egerde› oder ‹Ägerte› erscheint. «Ärgeten» sind Areale, die zeitweilig als Ackerflur dienten; später wurden sie wieder aufgegeben, worauf der ursprüngliche Wald heranwuchs (ähnlich wie gegenwärtig bei Freiflächen wegen der Borkenkäfer). Als Gründe für die Preisgabe der Felder konnten die entfernte Lage, ungünstige Bodenbeschaffenheit, mühsame Bearbeitung, enttäuschende Erträge, grundherrliche Eingriffe in Betracht kommen. Die «Lang-Ärgeten», diese in die Länge gezogene einstmalige Flur, wo eine Zeitlang geackert worden ist, hat also ein recht wechselvolles Schicksal erfahren. Im 15. und 16. Jahrhundert waren derartige Entwicklungen und zeitweilige Pufferzonen in den meisten Dörfern unserer Region bekannt, weshalb «Ärgete»-Namen mancherorts anzutreffen sind.

Eierbirben

Ebenfalls in der oberen Etage, rechts der Strasse nach Berg, bei der Abzweigung der Schützenstrasse. Bäume beeindrucken mit ihrem ganzen Wesen, sind eben «bäumig», spielen in der Erzähl- und Bilderwelt eine grosse Rolle, auch in der Mythologie. Als Lieferanten von Holz und Früchten bringen sie Nutzen, prägen unsere Umgebung mit ihrer mächtig ragenden Gestalt, bieten Schatten und Schutz, beeindrucken mit ihrer tief verwurzelten Standfestigkeit und der übermenschlichen Lebensdauer – sie eignen sich gut für die Namengebung. Hier handelte es sich um einen Baum, welcher der Flur wegen seiner eiförmigen, gelblichen Tafelbirnen zu einem kuriosen Namen verholfen hat. Es ist davon auszugehen, dass dieser Baum mit den köstlichen Eierbirnen ganz besonders imponierte und sich so die wundersame Benennung leicht einbürgerte, eine Erinnerung an die einst ausgedehnten Kulturen von Obstbäumen, die bis etwa 1950 unsere Dörfer mit einem dichtem Kranz umsäumten.

Pünterain

Bei der Thalheimer Sammelstelle. «Pünt» ist zu einem geläufigen Begriff geworden, für Gärten abseits des Wohnhauses; in Stadtnähe gibt es eigentliche Kolonien von «Pünten», Freizeitorte der ‹Püntiker›. Im Dorf waren «Pünten» nicht in die Zelgen einbezogenes Areal, zehntfrei, intensiv gehegt und gepflegt, vor allem mit Hanf und Flachs für die Leinenherstellung. Wortgeschichtlich kommt «Pünt» vom althochdeutschen ‹biunta› (eingebunden, eingewickelt, eingezäunt), also vom schützenden Hag, der Tiere abhielt und die Privatsphäre unterstrich. «Rain» brauchte man ursprünglich für die begrenzende Schwelle zwischen Äckern, einer kleinen Böschung, langgezogen wie eine Pflugfurche; dieser Sinn blieb erhalten im An-Rainer, dem Grundstücksnachbarn. Später wurde die Bedeutung ausgeweitet zum allgemeinen Landschaftselement, zum «Rain» als einem längeren Abhang, einer grasbestandenen Halde. So wie wir jetzt den «Pünten-Rain» vor uns haben, die Hanglehne, wo in früheren Zeiten ‹eingebundene› und sorgsam gehütete Hanf- und Flachsfeldchen das Bild bestimmten.

Gillenäuli

Felder draussen an der Thur, die Nord-Ost-Ecke des Gemeindegebiets. Auf dem Plan von 1765 («GillenÄulj») und der Wild-Karte (1861) ist diese Flur im Bereich des alten Schwemmlandes zum grössten Teil als Wald eingezeichnet, zweifellos mit Gesträuch, Aspen, Erlen, Weiden bestockt. «Äuli» bezeichnet ein kleineres Stück Land, am Wasser gelegen. Das Wort geht zurück auf lateinisch ‹aqua› (Wasser), daraus dann ‹ouwa› und schliesslich ‹Au›. Im Unterschied zum häufig vorkommenden «Äuli» findet sich «Gille/Gillen» nur selten, an der unteren Thur, in Kradolf, Uesslingen und eben Thalheim. «Gille» bedeutet Graben, Vertiefung mit Wasserlauf, künstlich angelegte Rinne. «Gillen-Äuli» meint also die am Thurwasser liegende Flur, versehen mit Abzugsgräben: situationsgerecht und deshalb überzeugend.

Text: Reinhard Nägeli, Bilder: Redaktionsteam

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