Dieses Jahr gab es eine ausgedehntere Turnfahrt

Tag 1

06:51 zeigte die Uhr, als ich am Donnerstagmorgen beim Bahnhof Thalheim vorfuhr. Statt mit Begrüssungen wurde ich mit Sätzen wie «Ahh, schriebsch du wieder de Bricht?» oder «Haha, hesch ja scho Üebig» empfangen. Ich liess mir die gute Laune trotzdem nicht nehmen, denn vor uns standen ganze vier Tage Turnfahrt! Dank unserem 100-Jahre Jubiläum im 2018 durften wir uns dieses Jahr eine ausgedehntere Reise leisten. Aus diesem Grund waren auch rekordverdächtige 36 Teilnehmer mit dabei. Besonders erfreulich: Auch unser Ex-Präsi Marc konnte trotz seinem Unfall im letzten Jahr bei fast allen Etappen dabei sein!

Zuerst fuhren wir also mit dem Zug nach Winterthur. Leider gab es bereits in Winti die ersten Verluste zu beklagen. Ralf und Robin wurde das neue Rauchverbot auf den Perrons zum Verhängnis und so düsten wir ohne sie bis nach Bern. Kurz flammte die Hoffnung auf, damit zwei neue Opfer für den Bericht gefunden zu haben! Zu meinem Leidwesen fand diese Idee jedoch wenig Gehör. In Bern angekommen, stand City Golf auf dem Programm. In Sechsergruppen machten wir uns nun auf, unsere schöne Hauptstadt zu erkunden und dabei auch noch ein paar Bälle einzulochen. Das Prinzip ist genau wie beim Minigolf, nur dass eben nicht alles mini ist und die Löcher in der Stadt verteilt liegen. Manche sind dabei gefährlich nah an der Aare, wie wir bald feststellen mussten. Nachdem dieser 9-Loch-Parcour von allen mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen worden war, fuhren wir mit dem Zug über Interlaken auf die kleine Scheidegg. Dort genossen wir das schöne Bergpanorama und bezogen unsere Unterkunft.

Tag 2

Am zweiten Tag waren wir alle gespannt, was uns auf dem Aletschgletscher erwarten würde. Mit der Jungfraubahn gings den Berg hoch auf das Jungfraujoch. Dort offenbarte uns Chrigel, wir hätten nun 3 Stunden Zeit zur freien Verfügung, bevor uns die Bergführer abholen würden. So erkundeten wir die Bahnstation auf 3’454m – und es gab einiges zu sehen. Einen Eispalast mit Wänden und Boden aus Eis, ein kleines Schokomuseum, Höhlengänge und vor allem wunderschöne Aussichten, egal auf welche Seite man blickte. Die Zeit verging schnell und um halb 12 waren alle frisch gestärkt und ready. Das Wanderequipment der Turner sah deutlich professioneller aus als in den letzten Jahren. Viele hatten sich extra Wanderhosen, neue Schuhe oder sogar einen neuen Rucksack geleistet. Wenn wir uns an die abgefallene Schuhsohle etc. erinnern, ist das wohl auch ganz gut so.

Vier Bergführer holten uns also ab und rüsteten uns mit Gstältli und Steigeisen aus. Dann schnappte sich jeder 9 Leute für seine Seilschaft. Die

Nicht-mehr-so-ganz-Aktiven Turner bildeten eine Gruppe mit Raoul, Marcel bekam die Jungs, zusammen mit Gabi. Philippe übernahm die einzige reine Frauentruppe (inkl. mir) und Kilian den Rest. Nun ging es raus auf den Aletschgletscher. Das Wandern am Seil stellte sich als echte Herausforderung heraus. Mit der Zeit bekamen wir jedoch alle Übung und waren bald ein eingespieltes Team. Nun mussten wir nur noch aufpassen, nicht in eine Gletscherspalte zu fallen (die waren zT. über 100m tief) und auch nicht in die gut getarnten Wasserstellen. Wenn man doch mal vom Boden aufblicken konnte, wurde man dafür mit einem atemberaubenden Ausblick entlöhnt. Schnee und Berge, soweit das Auge reicht. Nach 4 Stunden erreichten wir den Rand des Gletschers, wo wir uns von den Steigeisen befreien konnten. Weiter ging es über steiniges Gelände, bis wir nach 20min am Fusse einer Felswand standen. Nun kam für viele der schlimmste Teil der ganzen Turnfahrt: Eine Gittertreppe mit 467 Tritten führte im Zickzack die Felswand hoch. Einige hatten doch sehr mit der Höhenangst zu kämpfen, was sie immerhin die Anstrengung vergessen liess – sehr zum Leidwesen derjenigen, die gerne mal eine Pause eingelegt hätten. Oben erwartete uns unser Ziel: die Konkordia-Hütte. Alle machten es sich auf der Sonnenterrasse gemütlich und genossen den Abend. Das Bier war leider schon nach kurzer Zeit ausverkauft, was aber vielleicht einige Turner auch vor sich selbst schützte. Nach dem Abendessen zogen sich alle schon früh ins Zimmer zurück. Ausnahmsweise waren es dieses Jahr nicht die Männer, die mit ihren nächtlichen Gesängen die Leute wachhielten, nein, die Mädels hatten ein solches «Chäferfäscht» im Zimmer, dass die Jungs an die Zimmerwand klopften und nach Ruhe verlangten.

Tag 3

Bereits um sieben Uhr standen alle abmarschbereit auf der Terrasse. Die Dämmerung hatte gerade eingesetzt und die Aussicht war grandios. Nun mussten wir zuerst wieder runter auf den Gletscher. Zum Glück nicht über die Treppe, sondern über einen Alternativweg auf der anderen Seite. Obwohl von der Hütte aus das Gletscherende bereits ersichtlich war, mussten wir dennoch ca. 5 bis 6 Stunden auf der Gletscherzunge zurücklegen. Die frühmorgendliche Kälte bewirkte, dass das Eis noch hart war und das Wandern gestaltete sich deshalb auch einfacher als am Vortag. So erreichten alle die Stelle, wo wir den Gletscher endgültig verlassen und uns ohne Seil bewegen konnten. Die Stimmung war super, alle waren stolz und erleichtert, diesen Gletscher erfolgreich geschafft zu haben. Nun ging es singend und weintrinkend durch den Tunnel bis zur Fiescheralp.

Die Gondelbahn brachte uns dann schliesslich ins Tal, wo wir den Zug nach Brig bestiegen – wenn auch nicht alle den gleichen. Dort bezogen wir unsere Zimmer. Zur Abwechslung mal keine 8er-Schläge mit Kajütenbetten, sondern fast schon luxuriöse Zweierappartements erwarteten uns. Nach einer längst fälligen Dusche zogen alle ins Zentrum und verteilten sich auf die verschiedenen Restaurants. Danach stürzten wir uns ins Briger Nachtleben, das hauptsächlich aus einem Pub namens «Britannia» bestand. Dank uns und dem Turnverein Höri, der zufällig auch dort auf Turnfahrt war, war das Pub «pumpevoll» und die Stimmung top. Der DJ konnte zwar kein Lied länger als 20 Sekunden halten, wiederholte diese dafür aber alle drei Stunden. Bei den Riffs von AC/DC packte es Mätthe und nach einer Beingitarren-Einlage auf der Bar versuchte er sich erfolgreich im Stagediven. Die Bar jubelte ihm zu, die Securities weniger. Im Verlauf des Abends gab es einige Nachahmer, doch die Crowd wurde irgendwann müde, was Roger aus Höri schmerzhaft erfahren sollte. Nach und nach wurde die Bar leerer, doch die Thalheimer zeigten trotz den Strapazen der letzten zwei Tage Durchhaltevermögen.

Tag 4

Am letzten Tag wurden wir vom kleinen Simplon-Express gleich vor dem Hotel abgeholt. Damit fuhren wir durchs Städtchen nach Naters und schliesslich auf den Hügel, wo die Simplonfestung steht. 1939 erbaut, um den Verkehrsknotenpunkt Brig und die Strassen über den Simplon in zweiten Weltkrieg zu beschützen, wurde diese 60 Jahre lang streng geheim gehalten. Heute ist sie öffentlich für Besucher zugänglich und wir kamen in den Genuss einer spannenden Führung durch die unterirdischen Gänge. Man merkte den Guides ihre Begeisterung für das Thema an und sie zeigten uns, wie die Soldaten früher hier gelebt haben – immer in Erwartung eines Angriffs. Wir durften durch das Zielfernrohr eines Festungs-MG’s schauen, sahen das Zimmer wo die Toten aufgebahrt wurden, die Schlafkojen, die Post und viele weitere Räume aus der damaligen Zeit. Am Ende gab es einen feinen Zmittag aus der Gamelle – manch ein Magen war jedoch noch etwas geschwächt vom Vorabend… Nach dem Essen schafften wir es endlich doch noch, ein gemeinsames Gruppenfoto zu schiessen, bevor wir zurück nach Brig spazierten und den Zug nach Hause bestiegen. Es waren anstrengende, aber auch wunderschöne vier Tage, die uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Ein herzliches Dankeschön geht an die Organisatoren Chrigel und Reto. Ihr habt uns eine unvergessliche Jubiläumsreise ermöglicht. Und wer weiss – vielleicht schaffen die jüngsten Turner es ja noch, bis zum 125-Jahr-Jubiläum dabei zu bleiben.

Sheila Graber

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