Opernchöre auf dem Land

Als die Vorankündigungen für das Opernkonzert des Frauenchors Altikon zusammen mit dem Gemischten Chor Stammertal und Sängerbund Stammertal publiziert wurde, hörte ich im Dorf oft eine der zwei folgenden Reaktionen:

Skeptische oder ablehnende Kommentare: «Nein, um Himmels Willen bleib mir mit dem Saich vom Hals!» «Opernchöre? – Nie und nimmer mag ich das hören.» «Könnt ihr das überhaupt?» «Wenn ich komme, dann nur wegen dem Frauenchor!»

Erfreute Kommentare: «Ach wie schön, endlich singt ihr einmal aus Opern!» «Endlich einmal ein bisschen etwas mit Niveau». «Aber ist das nicht sehr schwer?»

Die Zuhörer, die sich am 29. März in der Kirche Stammheim oder am 30. März in der Mehrzweckhalle Altikon entschieden hatten, unsere Opernchöre anzuhören, haben sich sehr gefreut über Chorlieder, die sie lieben, die sie vielleicht schon lange nicht mehr gehört haben. Die meisten Hörer tippten im Takt mit, sangen leise die Melodie dazu, strahlten ob dem Genuss. Hinterher hörte ich rundherum: «Ihr habt uns so viel Freude gemacht»! Das war auch der Wunsch aller Sänger: Freude bereiten, den Alltag ein bisserl hinter sich lassen zu können… es ist uns gelungen!

Geht es bei den Opern nicht zu und her wie im täglichen Leben? Grosse, innige Liebe und dann doch verlassen werden, Eifersucht, Irrungen und Wirrungen, Tod und Hass, Streit und Intrigen, Hochzeit (wie zum Beispiel aus Richard Wagners Lohengrin der Brautchor – sicher haben viele Zuhörer mit dieser Melodie den Bund fürs Leben geschlossen, ohne zu wissen, dass es sich um ein Chorlied aus einer Oper handelt). Ereignisse wie sie in jedem auch noch so kleinem Dorf vorkommen – eben: Oper auf dem Land!

Schon vor vier Jahren waren die drei Chöre mit ihrer Dirigentin Beatrice Zbinden zu einem Chorkonzert zusammengekommen, das damalige Thema: Frühlingserwachen. Wir hatten uns damals vorgenommen einen solchen Anlass zu wiederholen: drei Chöre, zwei Konzerte, eine Dirigentin.

Viel Arbeit haben wir SängerInnen dabei auf uns genommen. Aber der Erfolg war es uns wert. Der Frauenchor Altikon konnte erst Mitte Januar damit anfangen, die Lieder zu üben und zu lernen (sie hatten Anfang Dezember ja noch die Unterhaltungen zu bestreiten). Auch trafen alle drei Chöre sich zweimal in Unterstammheim, um gemeinsam die anspruchsvollen Chorlieder einzustudieren. Und in den regulären Chorproben wurde geübt, gesungen und gefeilt bis auch die letzte Feinheit herausgehoben war und es wirklich klang wie unsere Dirigentin das wollte. Alle waren bis in die Haarspitzen motiviert und freuten sich sehr auf die Konzerte.

Die Hauptprobe ging nicht voll daneben, aber manches tönte doch noch ein wenig schräg. Die Sänger und Sängerinnen haben sich auch extrem viel vorgenommen.

Begonnen hat der Chorreigen mit der Oper Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti. Inhalt der Oper? Wie ich schon schrieb: Irrungen und Wirrungen, der falsche Mann und am Schluss die in den Wahnsinn getriebene Lucia. Alle drei Chöre, also 78 Personen sangen, was die Stimmbänder hergaben. Klang es nicht grossartig?

Dann war der Männerchor Sängerbund Stammertal an der Reihe. Die Männer begannen sehr besinnlich und mit dem Jäger- und Matrosenchor brachten sie ihre wunderbare stimmliche Bandbreite zu Gehör.

War aus der Zauberflöte schon der Chor mit Isis und Osiris zu hören, ging es mit Mozart weiter. Auch die nächsten Stücke stammten aus der «Zauberflöte» wurden aber jetzt instrumental mit zwei Querflöten interpretiert. In der Kirche klang das Dargebotene zauberhaft, in der Turnhalle Altikon kamen die Solisten nicht ganz so gut zur Geltung.

Ach, ja Mozart! 23 Opern hat der Mann geschrieben, die erste elfjährig! Dieses Musikgenie wurde ja nur 35 Jahre alt! Die «Zauberflöte» ist zwei Monate vor seinem Tod uraufgeführt worden.

Auch der Frauenchor Altikon sang drei Mozartkompositionen aus der «Zauberflöte» und der «Hochzeit des Figaro». Der Chor aus dem Freischütz: «Wir winden dir den Jungfernkranz» beendete den Vortrag des Frauenchors. Sehr viel Lob haben wir bekommen und zugegeben – wir waren auf unsere Dirigentin und uns sehr stolz!

Nochmals ertönten zwei Flötenduette, ebenfalls von Mozart.

Dann trat der Gemischte Chor Stammertal auf. Puh, die hatten sich sehr schwierige Stücke vorgenommen! Christoph Willibald Gluck, Wagner, Puccini, Verdi und Offenbach. Die bekanntesten Melodien waren wohl der Brautchor von Wagner und aus Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» die «Barcarole». Mit einer Gondel durchs Venedigs Wasserstrassen fahren: Herz was willst du mehr? Das ganze Publikum schaukelte begeistert mit. Die Uraufführung dieser Oper hat Offenbach gar nicht mehr erlebt. Übrigens hat der gute und fleissige Mann (Herr Offenbach) 104 Musik- Bühnenaufführungen geschrieben!

Den Höhepunkt und das wohl bekannteste Chorkonzert hat Verdi mit seinem «Gefangenenchor» geschaffen. Weil es der Schlusschor war, fanden sich alle Chöre wieder auf der Bühne ein, um gemeinsam aus der Oper «Nabucco» diesen Chor zu singen: «Va pensiero». Mit dieser Oper führte uns Verdi in die Zeit von 578 vor Christus zurück als die Hebräer (Juden) stark unter der Verfolgung litten.

Verdi ist übrigens der einzige Komponist, der alle Uraufführungen Zeit seines Lebens erlebt hat. 29 Opern hat er geschrieben und 88 Jahre wurde er alt.

Mit sehr viel Applaus und einer erklatschten Wiederholung wurde das Chorkonzert beendet.

Darf ich zum Schluss noch persönlich werden? Dass ich Opern liebe, geht wohl aus dem Text hervor. Ich hatte das grosse Glück, schon als Jugendliche in Opern gehen zu dürfen – bei manchen Opern war es eher ein Müssen. Lohengrin war so ein Fall: Sechs Stunden stillsitzen war nicht so nach meinem Geschmack. Meine Mutter brachte ich damals in grosse Verlegenheit: Während dem Gesang fragte ich sie laut, ob es immer so wahnsinnig lang dauere, bis Männer Frauen die Liebe erklärt hätten und so jodelten dabei! Ich frage mich heute noch… nur inzwischen verstehe ich es! Das ist doch schön!

Birgitt Maltry

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.