Bruterfolg im Vogelsang

Zwei Neuntöterpaare brüteten auch dieses Jahr wieder in den dichten Dornensträuchern der Hecke, die wir 2005 «im Vogelsang» anlässlich unseres Vereinsjubiläums gepflanzt hatten.

Der Flurname «Vogelsang» kommt in mancher Gemeinde vor, kommt aber nicht daher, dass hier natürlicherweise besonders viele Vogelarten vorkamen. Die Vögel sangen hier nämlich oft nicht ganz freiwillig: die Menschen waren arm, die Vögel oft einzige Fleischzugabe in der Suppe… und im Frühling und Herbst in grossen Scharen unterwegs.


In extra zum Vogelfang angelegten Hecken wurden Lockvögel gesetzt, sei es einbeinig angebunden an einem Pferdehaar, so dass sie flatternd die Beeren der Sträucher noch erreichen konnten und einen guten Futterplatz anzeigten oder gut getarnt in einem Käfig, dort mussten sie nur eines tun: singen. Damit sie sangen, wurden sie vorher oft wochenlang im Dunkeln gehalten. Liessen sich dann die hungrigen Zugvögel, angelockt durch den Gesang, in Schwärmen nieder, wurden die ausgelegten Fangnetze zugezogen.


Zum Glück sind die Vogelfangzeiten bei uns vorbei, der Verlust an Lebensräumen macht der Vogelwelt genug zu schaffen. Freuen wir uns also an unseren zwei Neuntöterpaaren mit Nachwuchs.


Die Männchen hatten es streng: sie versorgten ihre Weibchen während der ganzen 14- bis 16-tägigen Brutzeit mit Futter. Das Weibchen verlässt in dieser Zeit kaum das Nest. Auch in den ersten drei Tagen nach dem Schlüpfen hält es die Jungen ununterbrochen warm und verfüttert den Kleinen nur, was das Männchen heranschleppt.


Die Nestlingsdauer liegt zwischen 14 bis 16 Tagen, und auch nach dem Flüggewerden brauchen die Jungen noch zwei Wochen, bis sie selber genug Futter erbeuten können.


Sie bleiben am Anfang kletternd im dichten Gestrüpp, gut geschützt vor Feinden. Sie müssen erst einmal «zu Fuss» lernen, wie man Beute selber packt und ohne Gefahr schlucken kann. Ihre Hauptnahrung besteht aus Grossinsekten: Käfern, Hummeln, Bienen, Wespen, Hornissen oder Heuschrecken. Die oft wehrhaften Insekten werden vor dem Verspeisen geschüttelt, getötet und auch entstachelt.


Mit der Zeit werden die Jungvögel immer geschickter und jagen selber von Ansitzwarten aus, auf die sie immer wieder zurückkehren. Der Name «Neuntöter» kommt daher, dass die Vögel manchmal Beute auf Vorrat fangen und sie dafür auf Dornen aufspiessen.


Wie auch schon in den Vorjahren kamen die Neuntöterfamilien mit ihren vier Jungen nach zwei Wochen Lernzeit nach Feldi in den Obstgarten, wo sie neben den vielen Ansitzwarten auf Bäumen, Sträuchern und Asthaufen viel Futter finden. Dank der Altgrasflächen und der vielfältigen Flora singt und zirpt es in der Wiese zig-tausendfach – ein richtiges Schlaraffenland für die Vögel.


Und Schlaraffenland ist der Obstgarten nicht nur für diese Neuntöter.


Viele Zugvögel machen seit Anfang August schon wieder Halt auf ihrem Weg nach Süden, da es ja gilt, sich möglichst grosse Fettreserven anzufressen.


Dorngrasmücken, Braunkehlchen Schwarzkehlchen, Gartenrotschwanz: die Liste der seltenen Vögel, die diesen Sommer schon auf der Laube sassen, ist lang.


Auf unserer Homepage www.natur4ort.ch sind jeweils die neuesten Fotos dazu zu sehen.


Die Neuntöter haben einen ungewöhnlichen Zugweg.


Statt über Gibraltar und die Sahara nach Südafrika fliegen sie über Griechenland und das Nildelta ins südliche Afrika. Auch die Neuntöter aus Spanien und Frankreich wandern über diese Ostroute. Und das ganz alleine: sie wandern einzeln und nachts!


Auf dem Rückweg wählen sie eine andere Route als im Herbst: sie ziehen weiter östlich über den Balkan bevor sie nach Westen abbiegen… auch das gehört zum unbegreiflichen Wunder des Vogelzuges!


Meine Einladung an die Vögel fürs nächste Jahr: Brütet doch von Anfang an bei mir in Feldi! Der Tisch ist sicher wieder gedeckt, die Unterkunft im dichten Dornengebüsch vorbereitet!


Fide Meyer (Text) Silvio Bartholdi (Fotos)

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