Titelstory: Wie sich Bräuche wandeln

Im Duden Sinnwörterbuch finden wir dazu unter anderen folgende Begriffe: Sitte, Regel, Althergebrachtes, Tradition, Angewohnheit, Gepflogenheit, Usus, in Zusammenhang mit Religion auch Ritus oder Ritual. Redewendungen dazu sind etwa: «Es ist ein alter, ehrwürdiger Brauch, ein christlicher Brauch, einen Brauch pflegen, wieder aufleben lassen.»

In dieser Dorfposcht wollen wir von einigen wenigen alten Bräuchen erzählen.


Im Zusammenhang mit dem Tod meines Vaters und der Beerdigung ist mir in den Sinn gekommen, wie sich dieser Brauch seit dem Tod der Grosseltern, die beide im gleichen Jahr (1970) gestorben sind, verändert hat. Damals wurden die Leute noch zu Hause aufgebart und eingesargt, der Sarg wurde dann je nach dem wie weit es bis zur Kirche war, von Nachbarn getragen oder dann mit dem Leichenwagen zur Kirche und zum Friedhof gebracht, der sich damals noch rund um die Kirche befand.


Über Bräuche in früheren Zeiten haben wir uns mit Rosa Roggensinger und Johanna Zimmermann unterhalten. Rosa Roggensinger ist 1925 geboren, aufgewachsen in Bubikon und seit der Heirat wohnhaft in Thalheim. Johanna Zimmermann ist 1921 geboren, aufgewachsen in Winterthur, nach der Heirat viele Jahre in Vitznau wohnhaft gewesen, seit 1980 in Thalheim, im Oberdorf, daheim.


Rösi Roggensinger erzählt wie früher, zur Zeit als sie heiratete, eine «Gabete» vor sich ging. Bei der «Gabete» bringen die Leute den Brautleuten Geschenke. Früher wurde im Volg der Wunschzettel des Braupaares deponiert. Dort wählten die Nachbarn, Freunde und Bekannte ein Geschenk aus. Dieses wurde dann an einem bestimmten Tag, oft sogar an der Hochzeit selber, dem Brautpaar gebracht. Dazu traf man sich in einer grossen Stube, wenn die «Gabete» am Tag der Hochzeit stattfand, wurden die Leute, die Geschenke brachten, von jemandem aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft empfangen und alle bekamen etwas zu Essen, z.B. Wienerli und Kartoffelsalat und etwas zu Trinken, und natürlich Dessert und Kuchen und Kaffee. Wenn Kinder die Geschenke bringen durften, kamen sie am frühen Abend, später dann trafen die Erwachsenen ein. Nicht selten dauerten solche «Gabeten» bis in die Morgenstunden. Das Brautpaar, das mit der Verwandtschaft meist im Dorfrestaurant feierte, kam dann von Zeit zu Zeit vorbei um die Geschenke zu bewundern und sich zu bedanken. Rösi Roggensinger hat heute noch Gegenstände, die sie zur Hochzeit geschenkt bekam, und von denen sie weiss, wer sie schenkte!


Wenn die «Gabete» an einem andern Tag stattfand als die Hochzeit, dann waren die Brautleute den ganzen Abend da und bewirteten die Gesellschaft selber. An der «Gabete» nahm fast aus jeder Familie im Dorf jemand teil. Je nachdem wie nahe man dem Brautpaar stand, war das Geschenk kleiner oder grösser.


In diesem Zusammenhang erwähnt Johanna Zimmermann, dass zu jener Zeit (während und kurz nach dem 2. Weltkrieg) oft auch (vor allem haltbare) Lebensmittel geschenkt wurden um den jungen Eheleuten den Start ins Eheleben zu erleichtern.


An einen schönen Brauch aus der Innerschweiz erinnert sich Johanna Zimmermann. Eine Woche vor dem «Samichlaustag» zogen die jungen Burschen jeden Abend mit Treicheln durchs Dorf. Mit dem treicheln sollte der Chlaus aus dem Wald ins Dorf gelockt werden.


Am Klaustag selber organisierte der Turnverein den Anlass. Vier Kläuse, jeder begleitet von einem Schmutzli, zogen von Haus zu Haus. Jedes Kind im Dorf bekam ein Klaus-Säckli, alle diese Säckli hatten den gleichen Inhalt. Die jungen Burschen begleiteten den Klauszug mit Treicheln durch das ganze Dorf. Wenn der Klaus zu den Kindern ging, warteten sie vor dem Haus. Wenn alle Kinder beschenkt waren, gab es einen Umzug durchs Dorf, zuvorderst der St. Niklaus im roten Kostüm, mit dem Esel, dann die andern Kläuse mit den Schmutzli. Dazu kamen dann noch die Geisselklöpfer und Burschen mit Fackeln. Ein sehr schöner, feierlicher Brauch, der zum Teil heute noch gepflegt wird in der Innerschweiz.


Johanna Zimmermann erzählt von einem Silvester-Neujahrs-Brauch aus ihrer Kinderzeit in Winterthur. Damals wurden Verwandte eingeladen, man sass zusammen, ass und trank und spielte. Kurz vor Mitternacht machte man einen grossen Kreis in der Stube. Wenn die Uhr Mitternacht schlug, musste man das rechte Bein in die Luft strecken, um dann, wenn das neue Jahr begann, einen Schritt in die Mitte des Kreises zu tun, um so zusammen den ersten Schritt ins neue Jahr zu machen.


An den «Bächtelis»-Brauch, (2. Januar, Berchtoldstag), erinnert sich Rosa Roggensinger. Die jungen Leute, Knaben und Mädchen die im vergangenen Jahr konfirmiert wurden, trafen sich bei jemandem in der Stube, assen und tranken zusammen. Nachher wurden Gesellschaftsspiele gespielt wie Watte blasen, Pfandspiele, Fünflieberklopfen etc. es wurde auch gesungen und Witze erzählt.


Johanna Zimmermann erzählt, dass in ihrer Kindheit in Winterthur die Buben und Mädchen in der Oberstufe im Casino die Tanzstunde besuchten. Dabei sassen die Eltern am Rand und schauten zu und unterhielten sich. Zum Abschluss der Tanzstunden gab es dann einen Ball. Die Buben konnten einschreiben mit welchem Mädchen sie welchen Tanz machen möchten. Ihrem bevorzugten Mädchen brachten sie ein Blumensträusschen mit.


Johanna Zimmermann erinnert sich auch, dass man später zum Tanzen eigentlich nie in ein Lokal ging, die «Tanzete» wurden jeweils privat von jemandem zu Hause organisiert.


Eine andere Tanzgelegenheit waren die von den Quartiervereinen organisiereten Theaterabende, dort wurde nachher auch noch getanzt.


Die Jugendlichen aus Winterthur trafen sich am Samstag-Nachmittag um den «Schluuch zu blochen», d.h. sie zogen die Marktgasse auf und ab. Zum Nachtessen mussten sie dann wieder zu Hause sein!


Als junges Mädchen war Johanna Zimmermann in Moudon. Dort versammelte sich an Silvester das ganze Dorf auf dem Dorfplatz und es gab Musik und Tanz.


Rosa Roggensinger erinnert sich an Bräuche um die Zeit der Konfirmation. Am Karfreitag gingen die Knaben zu den Mädchen und bekamen dort ein Osterei.


Am Ostersonntag wurden die Mädchen dann eingeladen und alle miteinander gingen sie in ein Restaurant um dort zusammen etwas zu essen und zu trinken.


Am Ostermontag besuchten alle Konfirmanden zusammen den Zirkus, die Mädchen wurden dann von dem Knaben dem sie ein Ei geschenkt hatten, ihrem «Konfbruder», nach Hause gebracht.


In Winterthur, wo Johanna Zimmermann zur Schule ging, war es Brauch, dass die Schüler und Schülerinnen des St.Georgenschulhauses, wenn sie in die Sekundarschule gingen, sich zum Znüni im Milchhüsli ein Weggli kaufen durften. Vorher, in der Primarschule, hat man den Znüni von zu Hause mitgenommen. Johanna Zimmermann erzählt, dass sie jeweils mit einer Freundin zusammen dieses Weggli kaufen ging. Und zwar kosteten zwei Weggli 15 Rappen, also hat an einem Tag die eine 10 Rappen mitgenommen und die andere fünf Rappen und am andern Tag wurde es umgekehrt gemacht. So gab es jeden Tag für jedes Mädchen ein Weggli zum Znüni.


Wir reden noch darüber, dass die Kinder zu jener Zeit fast kein Geld zur Verfügung hatten, auch war es üblich, dass auch Kinder aus begüterten Familien keine besonderen Dinge erhielten. Zum Beispiel wurde einem Kind ein Velo gekauft, wenn es eines brauchte für den Schulweg, aber nicht einfach für die Freizeit oder weil es sich eines wünschte. Das heisst, es hatten alle ungefähr gleich viel oder gleich wenig. Es war nicht so ein Wettbewerb, der hat dies und jenes, und das müssen die andern unbedingt auch haben.


Sicher gibt es noch viele Bräuche, wir haben hier von alten, vielleicht vergessenen Bräuchen erzählt. Es gibt auch immer wieder neue Bräuche, zum Beispiel in unserm Dorf die Adventsfenster.


Bald wieder werden viele Fenster die Dunkelheit beleuchten, an vielen Orten wird auch eingeladen zu Tee, Kaffee und Kuchen. Machen sie doch auch einmal einen Besuch und tragen sie dazu bei diesen neuen Brauch lebendig zu gestalten. Vielleicht gibt es da auch Gelegenheit über alte und neue Bräuche zu reden und zu erzählen.


Johanna Zimmermann und Rosa Roggensinger danken wir ganz herzlich für das anregende Gespräch.


cjo/cm

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