Mein Schulweg, 1944

Angeregt durch die letzte Dorfposcht-Ausgabe zum Thema Strassen in Thalheim und Gütighausen, hat uns Konrad Basler einen Schulaufsatz zugestellt, den er während seiner Schulzeit geschrieben hat.

Morgens um halb sieben Uhr radeln Ernst und ich zu Max hinaus. Wir brauchen nicht lange zu warten, so sitzt er auch schon auf seinem Velo und bald liegt Thalheim hinter uns.


Es scheint mir als gäbe es nichts schöneres, als mit dem Velo auf der Landstrasse dahinzufahren. Links und rechts von der Strasse grünen jetzt die Wiesen und zwischen hinein leuchten die blühenden Bäume. Goldgelb von Löwenzahnblumen übersät prangen die Wiesen an der gegenüberliegenden Talseite.


Bald haben wir auch Gütighausen hinter uns. Bei dem Rodungsgelände springt nun schon einige Tage ein Eichhörnchen kurz vor unseren Rädern über die Strasse und verschwindet immer auf derselben grossen Fichte. Auch schauten wir dort einmal einer Wiesel Familie zu, wie sie von einem Strassengraben ins nächstliegende Kornfeld zügelte. Weniger Freude bereitet uns der Wald. Wir haben nämlich mehr als die Hälfte aller Nägel, die wir je gefangen dort erwischt; und mehr als einmal platzte dort im Holz drin unter lautem Knallen Schlauch und Mantel.


Einmal sahen wir von der Strasse aus auf einer hohen Eiche ein Rabennest, welches wir gelegentlich besuchen wollten, was uns dann aber schlecht bekam, denn so hart wie dort, war ich noch nie abgesessen. Als wir aus der Schule kamen und unter der Eiche standen, sah der Horst noch verführerischer aus als von der Strasse. Vorerst fragten wir uns, wie ich dort hinauf klettern könne, denn die Eiche war ziemlich dick. Bald sollte es gelingen.

Ernst stellte sein Velo an die Eiche. Max und ich standen darauf. Ich begann nun zu klettern, während Max mich von unten her stiess. Nach vieler Mühe erreichte ich den untersten Ast, um bald darauf bei dem vielversprechenden Horste anzulangen. Das Nest hatte ich bald vor mir, aber keine Raben. Enttäuscht und empört über die «dummen» Raben, die wahrscheinlich am Tage vorhin ausgeflogen waren, trat ich den Rückweg an. Ich brauchte nur noch um den dicken Stamm herumzuklettern, um langsam hinunter zu gleiten, von wo mich dann Max bald erreichen könnte. Das blieb mir leider erspart, denn wie ich mich anschickte auf die andere Seite zu gelangen, brach der Ast, auf dem ich rittlings sass, und ich sauste, mit den Beinen die Eiche umklammernd, in die Tiefe. Mir hatte es furchtbar den Atem, und das mit welchem ich zuerst am Boden war, verschlagen. Max, der mir als Stütze dienen sollte, kam mit einer Beule am Kopf weg, die ich ihm mit dem Absatz verabreicht hatte. Das Schnaufen ging bald wieder, aber das Velofahren war an jenem Abend und ein paar Tage später eine heikle Sache. Ich sass wie auf einem Nadelkissen.


Aufsatz geschrieben von Konrad Basler im Jahre 1944

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