Gedankenflug: Wenn es die Bibliotheken nicht gäbe!

Sie sind zu dritt in der Familie, drei Mädchen. Kaum waren die beiden Grossen in der Schule, begannen sie mit Lesen. Schon in der zweiten Klasse schleppten sie Bücher aus der Bibliothek nach Hause. Als sie zu uns in die Ferien kamen, war ein über dreihundert Seiten starkes Mädchenbuch im Gepäck. Stunden verbrachten sie, auf dem Buch liegend, über ihrer spannenden Geschichte.

Als die Jüngste dann drei Jahre später auch endlich – in dem Alter kann man bekanntlich nicht warten, bis man in die Schule gehen darf! – ihren Schulsack schultern durfte, kannte sie die Buchstaben bereits. Doch mit dem Lesen wollte und wollte es nicht klappen. Aus den einzelnen Buchstaben wollten einfach keine Wörter werden. Zuerst merkte man das nicht wirklich, denn kaum kannte sie ein Wort oder eine Zeile, dann wusste sie das auswendig und «las» es problemlos. Als die Mutter sie eines Tages ernsthaft befragte, wie das denn nun gehen solle, sie müsse einfach mehr Lesen üben, da meinte die Kleine lakonisch: «Es muss auch Menschen geben, die nicht lesen können.»

Glücklicherweise war das aber nur eine kurze Phase. Sie ist nun längst zu einem Menschen geworden, der lesen kann. Plötzlich löste sich der Knoten – und nun kommt auch sie mit dicken Wälzern zu uns in die Ferien. Sie liest die Bücher ihrer älteren Schwestern. Doch regelmässig holt sie sich auch in der Bibliothek ihr Lesefutter.

Wenn es die Bibliotheken nicht gäbe! Das war schon so, als ich selbst zur Schule ging. Ich las mich wie viele meiner Schulkameradinnen durch die Regale. Vor den langen Ferien im Sommer war die Qual der Wahl am grössten. Ich versuchte dann immer, von allen Büchern, die mich interessierten, die dicksten zu nehmen. Der Lesestoff musste ja lange herhalten. Und die hilfsbereiten Bibliotheksfrauen schleppten uns die gewünschten Wälzer an – damals durfte man noch nicht selbst aus dem Regal holen, was man mitnehmen wollte.

Auch als erwachsener Mensch liest man ja gerne, und alle Bücher selbst zu kaufen, das wäre eine teure Sache. Deshalb ging ich immer in die tolle Bibliothek der Lesegesellschaft in Basel. Sie ist direkt neben dem Münster, ein schönes historisches Gebäude. Sie wurde knapp vor der französischen Revolution gegründet – man stelle sich das vor. Und da hat es nicht nur hochgestochen Intellektuelles, da hat es schöne Belletristik und Romane. Die Bibliothek wird gut genutzt. Gerade war sie jetzt drei Monate geschlossen wegen einer Renovation. Genau wie in unserer schön eingerichteten Dorfbibliothek stehen die neu eingekauften und neu erschienenen Bücher an einem speziellen Platz zum Stöbern. Genau wie in unserer Dorfbibliothek findet man auch ältere wichtige Werke. Genau wie in unserer Dorfbibliothek beraten die beschlagenen Bibliotheksfrauen bei der Auswahl und haben auch ein offenes Ohr für Bücherwünsche. Ein Paradies für Leseratten jeden Alters! Gäbe es die Dorfbibliothek nicht, man müsste sie erfinden.


Ursy Trösch

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