Gedankenflug: Rache der vernachlässigten Hexe

Hexenschuss. Gestern ist mir eine Hexe in den Rücken geschossen. Während ich nun leise fluchend und völlig krumm am Computer sitze, spazieren meine Gedanken unvermittelt diesem Wort nach: Hexe. Als Kind war sie für mich der Inbegriff des Bösen und Gruseligen. Buckel, giftgrüne Augen, Warze auf der Nase. Die Alte, welche Hänsel und Gretel in ihrem Waldhäuschen mästen wollte. Als ich erwachsen war, hat sich meine Einstellung zu Hexen grundlegend geändert. Logisch hat es mit den historischen Hexengeschichten zu tun. Mit den Frauen, die mehr konnten und wussten als andere, oft auch mehr als die Männer um sie herum. Weise Frauen waren es, die als Hexen auf dem Scheiterhaufen endeten. Starke Frauenbilder lernte ich so kennen. Das Wort Hexe wurde für mich vom negativen zum positiven Begriff.

Als ich dann im Radiostudio in Basel zu arbeiten anfing, fragte mich, die Neue, einer der Kollegen, für welche Sendungen ich Beiträge mache. Für die Frauenstunde, sagte ich. «Aha, du bist also oben auf dem Hexenstock» meinte er ironisch. Nun wusste ich: das 1.Stockwerk im Anbau, wo die Büros der Macherinnen der Frauensendungen waren, das hiess Hexenstock. An sich habe ich wenig Talent für spontane, geistreiche Antworten – doch dieses Mal fiel mir, der «neuen Hexe» im Studio, doch etwas ein. Ich sagte zu ihm: «Ach so, nun verstehe ich, warum du Angst hast, da hinauf zu kommen.»


Irgendwann bekam ich dann ein Buch mit wunderschönen Hexenbildern geschenkt. Von einem jener männlichen Wesen, die sich nicht fürchten vor starken Frauen. Vor Hexen. Das Schönste Hexenerlebnis war jedoch, als ich mich entschloss, an der Fasnacht als Hexe auf die Strasse zu gehen. Ich liess mir eine prächtige Hexenlarve machen. Das Kinn war fast so spitz wie die Nase. Der Rock war zipflig und lang, auf der Schulter befestigte ich einen schwarzen Vogel. Leider ist mir das Hexen-Goschdym (so heisst in Basel ein Fasnachtskleid) im Lauf des Lebens abhanden gekommen. Ich habe zu wenig darauf aufgepasst, die Hexe vernachlässigt. Ob sie sich wohl mit dem Hexenschuss gerächt hat?


Ursy Trösch

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