Gespräche: Wie früher gelebt und gearbeitet wurde

Zum Gespräch im November, dem letzten in der Reihe, haben wir drei ältere Einwohner eingeladen, Erika Zeller und Heiri Friedrich aus Gütighausen und Werner Schleuss aus Thalheim. Da es in Gütighausen kein Restaurant mehr gibt, hatten wir unser Treffen in der «alten Mühle» Gütighausen bei Diane Routh arrangiert, leider war dies dann doch nicht möglich. Wir konnten es uns aber bei unserer Gesprächsteilnehmerin Erika Zeller in der Stube gemütlich machen, herzlichen Dank für das spontane Entgegenkommen.

Da alle drei Anwesenden schon über 75 Jahre alt sind, drehte sich das Gespräch oft um die Vergangenheit. Ich denke, es ist für junge Leute, die heute in Thalheim leben, interessant zu hören,wie früher im Dorf gelebt und gearbeitet wurde und bei den älteren werden sicher viele Erinnerungen wach.

Zuerst zu unsern Gesprächspartnerinnen und -partnern:

Heiri Friedrich, Jahrgang 1931, ist der älteste. Er besuchte die Schule in Gütighausen und Thalheim, in Andelfingen die Sekundarschule. Dann folgte ein Welschlandaufenthalt, die Rekrutenschule und anschliessend die Landwirtschaftliche Schule in Wülflingen. Heiri hat dann auf dem Bauernbetrieb gearbeitet, bis er mit fünfzig Jahren bei der SBB in der Werkstatt im Depot Winterthur zu arbeiten begann. Er hat drei Söhne und eine Tochter und drei Enkelkinder. Seit seiner Pensionierung ist er viel auf Reisen, mit dem Zug oder mit dem Velo. Er geniesst es, oft unterwegs zu sein, früher konnte er nicht gut weg. Gewohnt und gelebt hat er immer in Gütighausen. Einer seiner Söhne lebt in Australien, diesen geht er in den nächsten Wochen besuchen, es wird seine erste Flugreise sein.

Die Gesprächspartner im grossen Interview in der Ausgabe vom November 2009 der Dorfposcht

Erika Zeller ist 76 Jahre alt, sie ist im Grüt (Dinhard) aufgewachsen, die Schule besuchte sie in Eschlikon, Dinhard und Rickenbach. Nach der Konfirmation hat sie jeweils im Winter in einem Haushalt gearbeitet, im Sommer musste sie auf dem elterlichen Betrieb mithelfen. Mit 18 Jahren besuchte sie die Bäuerinnenschule in Wülflingen. Als sie 22 Jahre alt war, heiratete sie und kam so nach Gütighausen. Erika Zeller hat fünf Kinder geboren. Ein Knabe ist mit 2½Jahren gestorben. Drei Söhne, eine Tochter und sechs Enkelkinder gehören heute zur Familie, seit 2001 ist sie verwitwet. Sie lebt mit ihrem Bruder Alfred, der pflegebedürftig ist, im Stöckli des Bauernhofes, der von ihrem Sohn Hansruedi geführt wird.

Werner Schleuss ist ebenfalls 76 Jahre alt und in Thalheim aufgewachsen und zur Schule gegangen. Die Sekundarschule besuchte er in Andelfingen. Mit 18 Jahren absolvierte er die Landwirtschaftliche Schule im Strickhof Zürich, dies war eine sehr schöne Zeit, zum ersten Mal weg aus dem Dorf. Er arbeitete dann auf dem elterlichen Bauernbetrieb. Als die Güterzusammenlegung gemacht wurde, war dies für ihn der Anlass zur Post zu gehen. Er machte auf der Sihlpost in Zürich einen Einführungskurs, dann arbeitete er vier Jahre auf der Post in Winterthur. Am 1. April 1966 hat er die Poststelle Thalheim übernommen, und diese fast 30 Jahre, bis sie Ende 1995 geschlossen wurde, geführt. Von 1974 bis 95 war auch eine Agentur der Zürcher Kantonalbank in der Post integriert. Werner Schleuss heiratete 1960, er hat eine Tochter und einen Sohn und fünf Enkelkinder.

Alle drei wohnten, lebten und arbeiteten eigentlich immer – Erika Zeller seit ihrer Heirat – in Thalheim oder Gütighausen. Es gefällt ihnen hier, sie möchten nirgends anders daheim sein. Vor allem die ruhige Lage, die ländliche Umgebung mit vielen Möglichkeiten zum spazieren und Velo fahren oder auch reiten (Werner Schleuss ging bis vor wenigen Jahren regelmässig reiten), ist ideal. Es sei sicher einer der schönsten Orte zum Leben und Wohnen, meinen alle übereinstimmend.

Bald kommen sie auf die gros-se Entwicklung und die Veränderungen vor allem in der Landwirtschaft, aber auch im Dorf und im Leben überhaupt, zu sprechen. Heiri Friedrich erinnert sich, dass in seiner Jugend die Gerste noch von Hand, mit der Sense gemäht, dann mit einer speziellen Gabel aufgenommen wurde, zu Garben gebunden, zu Puppen aufgestellt die dann auf dem Feld austrockneten und anschliessend mit Pferd und Wagen in die Scheune gefahren wurden, dort abgeladen und im Herbst schliesslich gedrescht wurden. Wenn man sich heute diesen Erntevorgang ansieht und mit den heutigen Methoden vergleicht, ist dies eine ganz gewaltige Entwicklung.

Erika Zeller erinnert sich, als sie nach Gütighausen kam, waren es noch 22 Bauer, die ihre Milch in die Milchhütte Gütighausen brachten. Die Betriebe nahmen dann immer mehr ab, bis 1990 die Hofabfuhr eingeführt wurde und die Milchhütte ihre Türe schloss.

Erika musste jeweils mit einer Tanse auf dem Rücken 40 Liter Milch in der Milchhütte abliefern. Einmal im Winter ist sie ausgerutscht und hat fast alle Milch verschüttet. Heiri erzählt, dass bei ihm einmal die Kinder die Milch verdünnt hätten. Die Michkanne stand zum kühlen im Brunnen, die Kinder haben die Hände gewaschen und dabei ist das Wasser in die Milch geflossen. Diese Milch konnte natürlich nicht mehr abgegeben werden.

Werner Schleuss kann sich auch noch gut an die Kriegszeiten erinnern, es mussten Coupons (Rationierungsmarken) für Nahrungsmittel und Kleider bezogen werden, abgegeben wurden sie jeweils im Schulhaus. Wenn jemand Hühner hatte, musste pro Huhn und Jahr eine bestimmte Menge Eier abgeliefert werden. Es gab die Verdunkelung. Pro Woche mussten drei fleischlose Tage eingehalten werden. Auf den Feldern wurden noch Ähren gelesen, Flachs wurde angebaut und verarbeitet. Es wurde Mohn gepflanzt, dieser wurde auf einen Leiterwagen geladen und mit dem Zug nach Stammheim gebracht um dort zu Öl verarbeitet zu werden.

Heiri erinnert sich, dass die Arbeitstage sehr lang waren, oft waren die Leute schon um vier Uhr am Morgen unterwegs. Da die meisten Pferde im Militärdienst waren, zogen Kühe die Wagen mit denen man das Gras holen ging.

Alle drei erinnern sich, dass ein Bomber mit brennendem Motor auf das Schloss Wyden abstürzte. Werner Schleuss weiss noch genau, wie sie in der Pause in der Schule weg rannten um vom Oberboo aus alles etwas besser sehen zu können. Heiri besuchte die Sekundarschule in Andelfingen, er fuhr nach der Schule über Ossingen, um den Ort zu besichtigen. Er erinnert sich an ein riesiges Rad des Flugzeuges, das im Hof des Schlosses Wyden lag. Für die Knaben waren die Flugzeuge, die die Schweiz überflogen, immer wieder eine grosse Attraktion.

Auch an die «Landi» (Landesausstellung 1939) gibt es Erinnerungen. Werner wurde in einem Kinderhort abgegeben, während seine grösseren Schwestern mit dem Vater die Landesausstellung anschauten, Erika ging auf dem «Schifflibach» verloren, als sie wieder gefunden wurde bekam sie zum Trost einen Pfirsich.

Auch an die Glocken, die läuteten als endlich Friede war, gibt es Erinnerungen.

Übereinstimmend erzählen sie, dass man sehr bescheiden aufwuchs, trotzdem aber eigentlich nichts vermisste, alle hatten weniger als heute und waren doch zufrieden. Heiri betont vor allem den vielen Freiraum den die Kinder zu jener Zeit noch hatten.

An den Abenden sass man oft zusammen, Fernsehen gab es noch nicht, es wurde Radio gehört. Die Hörspiele sind noch in lebhafter Erinnerung. Dazu wurden Handarbeiten gemacht, oder Apfelstückli geschnitten zum Dörren.

Früher wurde im Schulhaus in Gütighausen jedes Jahr ein Weihnachtsspiel aufgeführt, nur für die Gütighauser. Es gab auch Geschenke für die Kinder, die aus einem Fonds, der dafür bestimmt war, bezahlt werden konnten.

Anfangs der 60-er Jahre wurde die Zivilgemeinde Gütighausen aufgehoben, damit verloren die Gütighauser etwas von ihrer Selbständigkeit.

Vieles war natürlich auch mühsam, vor allem das Waschen, oft musste draussen gewaschen werden. Einige hatten ein «Waschhüsli», aber auch da musste das Wasser gekocht und die Wäsche im Zuber, von Hand, gewaschen werden.

Erika erinnert sich, als sie nach Gütighausen kam, waren die Wiesen und Äcker, die von der Familie Zeller bewirtschaftet wurden, an 26 Orten. Das gab oft lange Wege zur Arbeit, zudem mussten auch die Kinder mitgenommen werden aufs Feld.

In Gütighausen gab es zwei Wirtschaften und in Thalheim drei. Man kannte früher alle Familien des Dorfes, man nahm an Freud und Leid in der Nachbarschaft teil. Wobei alle betonen, dass die Nachbarschaft auch heute gut ist, es aber immer mehr Leute gibt, die gar nicht am Dorfleben teilnehmen, die auch nicht im Dorf einkaufen, die man eigentlich gar nie sieht im Dorf. Dies ist zu bedauern, ändern lässt es sich wohl nicht.

Nicht nur in Thalheim, sondern auch in Gütighausen hatte es ein Postbüro. In Gütighausen war lange Zeit die Post einfach offen, wenn der Posthalter zu Hause war. Wenn er nicht dort war, musste man halt zu einem späteren Zeitpunkt nochmals hingehen, aber eigentlich war die Post den ganzen Tag durchgehend geöffnet, luxuriös, kann man da nur sagen.

Dass es heute keine Post mehr gibt im Dorf wird natürlich vor allem von Werner Schleuss, dem langjährigen Posthalter und Briefträger unseres Dorfes, sehr bedauert. Es gehen immer mehr Treffpunkte verloren, und diejenigen die da sind, werden oft schlecht besucht. Die grosse Mobilität lässt oft vergessen, dass auch im Dorf einiges los ist …

Grosse Veränderungen brachte natürlich auch die Güterzusammenlegung und der Bau der Siedlungen ausserhalb des Dorfes mit sich.

Schön ist es, dass es noch die Vereine gibt im Dorf. Alle drei Gesprächsteilnehmer singen im «Gemischten Chor», Heiri hat schon als junger Mann, noch im Männerchor gesungen. Dann, als er eine Familie und sonst viele Verpflichtungen hatte, war es nicht mehr möglich, aber jetzt ist er wieder dabei. Werner Schleuss singt ebenfalls seit vielen Jahren mit. Erika hat als junge Frau in Dinhard im Chor gesungen, seit 1955 ist sie in Thalheim dabei.

Auch in den Behörden und sonst im Dorf waren die drei Leute engagiert. Werner war Präsident im Turnverein, er war im Gemeinderat und in der Kirchenpflege. Heiri war als junger Mann in der Kirchenpflege, in der Zivilgemeinde Gütighausen war er Kassier, auch in der Milchgenossenschaft hatte er eine Funktion.

Erika Zeller erteilte 36 Jahre lang Sonntagschule, viele Thalheimer Kinder und Erwachsene erinnern sich sicher daran. Werner und Erika finden es schön, dass sich nun wieder junge Frauen für die Sonntagschule engagieren.

Etwas fehlt Werner Schleuss in Thalheim. Er bedauert, dass es im Dorf keine Post mehr gibt und er findet es schade, dass nicht mehr jeden Sonntag die Kirchenglocken zu hören sind. Heiri findet es schade, dass das «Glöggli» auf dem ehemaligen Schulhaus in Gütighausen nicht mehr die Stunde schlägt. Das Läuten am Morgen, um elf Uhr und am Abend ist glücklicherweise noch zu hören.

Dass es in Gütighausen kein Restaurant mehr gibt, ist auch schade. Solange man Auto fahren kann, ist das Problem nicht so gross, aber vielleicht ändert sich das bald. Zum Glück gibt es noch den Volg-Laden, die freundliche Bedienung dort wird sehr geschätzt.

Heiri wünscht sich, dass Gütighausen nicht allzu sehr wächst. Die Bautätigkeit sollte im Rahmen bleiben. Wenn zu viele Leute aufs Mal kommen, ist dies für das Dorfleben schwierig, man kennt sich nicht mehr.

Alle drei finden es wichtig, dass die Brückenwaage als Restaurant in Thalheim bestehen bleibt. Sie verstehen nicht, dass die Gemeinde daran denkt, das Restaurant zu verkaufen.

Mit der heutigen Lebenssituation sind alle zufrieden. Sie genies-sen die Tage und die Zeit. Heiri schätzt die Mobilität, er hat viel gesehen und findet es angenehm, dass man heute ohne grosse Formalitäten nach Deutschland fahren kann.

Werner hat seit der Pensionierung mit seiner Frau Christine viele Reisen, auch ins AuWsland gemacht. Dies geniesst und schätzt er sehr. Auch der Kontakt zu den Enkelkinder bedeutet ihm viel.

Auch Erika Zeller ist zufrieden mit ihrem Leben. Sie schätzt es, dass der Bus gleich in ihrer Nähe in Gütighausen eine Haltestelle hat und die Verbindungen, wie sie heute bestehen, findet sie gut, früher war das natürlich anders.

Wichtig ist für alle drei auch, dass es ihnen gesundheitlich noch gut geht. Sie kennen alle einige Altersgenossen, die nicht mehr so mobil sind und verschiedene «Gebresten» haben.

Die drei Leute die alle viel gearbeitet haben, die sich engagiert haben in Vereinen, in der Gemeinde, in der Arbeit mit Kindern und sicher noch an vielen Orten, wünschen sich natürlich, dass sich immer wieder Leute zur Verfügung stellen und bereit sind, sich einzusetzen, wenn es nötig ist. So wird das Leben im Dorf für alle angenehm.

Vielen Dank für das Gespräch. Besonderen Dank an Erika Zeller bei der wir zu Gast sein durften.

Gespräch: cjo, Foto Titelblatt: wjo

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