Gedankenflug: Tierliebe, Menschenliebe

Tiere habe ich wirklich sehr gern. Im Besonderen Katzen und Esel, aber auch Hunde und die Kühe und Kälber auf unserer Nachbarwiese. Ich nehme verirrte Regenwürmer von der trockenen Terrasse auf und setze sie in den Garten, wo sie sich wieder eingraben können. Und Weinbergschnecken trage ich auf die Wiese. Nur Stechmücken bekommen die Klatsche zu spüren und die roten Allesfresser-Schnecken, die schmeisse ich in den Wald hinunter. Habe ich meine Tierliebe hiermit genügend dokumentiert?

Mit der Menschenliebe ist das manchmal anders. Kürzlich sass ich zum gemütlichen Abendessen in einem kleinen Restaurant. Am Nebentisch zwei elegante Ladies. Aus dem Gespräch, das vor allem von der Jüngeren mit ziemlich durchdringender Stimme geführt wurde, konnte, nein musste ich entnehmen, dass es sich bei den beiden Damen um Mutter und Tochter handelte. Das Gespräch war unüberhörbar. Neben dem Tisch sass einer dieser kleinen Hunde am Boden mit den langen Haaren. Er gehört zu jener Rasse, die leider oft mit Maschen im Haar ausgerüstet wird – dieser hier trug keine. Das verhinderte aber nicht, dass die jüngere Frau penetrant in totaler Verblödung auf den kleinen Vierbeiner einredete: «Ja, Mausi, du bist aber ein Lieber, ja ein ganz, ganz Lieber, schön wie du brav hier sitzt und keinen Laut von dir gibst, ja, Picasso, ich sage es ja immer, du bist ein ganz lieber und ein ganz schöner.» Picasso hiess der Kleine. Der weltberühmte Maler würde sich bestimmt freuen über seinen vierbeinigen Namensvetter! Der Hund blieb seelenruhig sitzen, guckte um sich, als ob das Gerede ihn nichts angehe, gab keinen Ton von sich und bewies, dass er eindeutig anständiger war als seine laute Besitzerin. Vermutlich war er auch um einiges intelligenter als sie. Denn ich habe gelesen, dass diese kleinen Hunde ungemein tapfer und mit besten Reaktionen ausgestattet sind. Wie gescheit Hunde sein können, stand vor kurzem auch in einer Nachricht aus Moskau: dort gäbe es viele herrenlose Hunde, die von der Bevölkerung stillschweigend geduldet würden. Diese Tiere wüssten genau, wo die Abfälle einer Fleischfabrik entsorgt werden, an welchem Ort jemand, meist auch Randständige, das Essen mit den Hunden teilt. Manche von ihnen benützten sogar die Untergrundbahn, um von Stadtteil zu Stadtteil zu gelangen. Und sie finden sich offenbar im Metro-Liniennetz bestens zurecht. Was man vermutlich von der Hundebesitzerin an meinem Nebentisch kaum erwarten könnte.


Ursy Trösch

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