Gedankenflug: Verhältnisblödsinn

Die Pöstlerin brachte uns ein Paket, etwa 25 × 35 × 8 Zentimeter, also eine richtige Schachtel. Federleicht. Wir machten sie auf – leer. Was sollte das wohl? Dann entdeckten wir eine Art doppelten Boden, ein Stück des Kartonbodens konnte man aufheben – darunter lag das, was in dieser Schachtel transportiert worden war: ein Chip von etwa 2 × 3 Zentimeter, eingeschweisst in ein grösseres Stück Kunststofffolie. Dieser Chip hätte kleiner und leichter verschickt werden können in einem Couvert. Aber er kam in einer Schachtel – Verhältnisblödsinn!

Seit ich weiss nicht wie vielen Monaten wird an der Strasse Oberwil-Niederwil gebaut. Gräben sind offen, Verkehrsampeln leuchten vornehmlich rot. Zugegeben, Tiefbau ist nicht mein Fach, aber die endlose Dauer dieses Strassenbaus rückt für mich in die Nähe dessen, was man auch Verhältnisblödsinn nennen kann.


Die grossen Amerikanerschlitten habe ich in meiner entschwundenen Jugend einmal ganz toll gefunden. Hie und da holte mich damals ein Freund im langen Schiff seines Vaters ab, wenn wir in den Ausgang gingen. Es war wie im Film. Doch seit ich kein Teenager mehr bin, ist mir ziemlich klar, dass diese tollen Autos wahnsinnige Benzinsäufer sind. Und jetzt geht es ihnen an den Kragen, die US-Autoindustrie steht vor dem Bankrott, -zigtausend Arbeitsplätze sind in Gefahr oder schon verloren. Die Arbeiter können ihre Familien nicht mehr ernähren. Doch gleichzeitig wird in Detroit eine grosse Hochglanz-Auto-Show veranstaltet mit Cüpli und wie immer schönen Frauen auf den Motorhauben – dafür scheint noch Geld vorhanden zu sein. Verhältnisblödsinn!


Seit Stein und Bein gefroren und die Felder schneebedeckt sind, pfeifen unsere Greifvögel ums Haus. Sie haben Hunger und finden es ungerecht, dass in den kleinen Vogelhäuschen an den Bäumen nur Sonnenblumenkerne und in den Schalen am Boden nur Haferflocken und Sultaninen liegen für die Meisen und Buchfinken, die Amseln und Eichelhäher. Diese geniessen es auch und zeigen sich rund ums Haus, was schöne Beobachtungen zulässt. Aber die grossen Milane? So kaufe ich eben auch Fleisch ein für sie, Herz und Leistenfleisch, Tierfutter halt. Im Lauf des Vormittags bringe ich es jeweils hinaus auf einen erhöhten Platz, damit die Katze es nicht naschen kann – eine grosse Schale voll Fleischwürfel. Kaum bin ich zurück im Haus, gleiten die eleganten Vögel heran, lassen sich beim Fleisch nieder, verscheuchen einander heftig vom Futterplatz – und ein paar Minuten später ist alles weg. «Verhältnisblödsinn» denken wohl auch die Greifvögel – die grosse Schale Fleisch ist für sie ein kleiner Imbiss.


Ursy Trösch

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