Gedankenflug: In der S12 im falschen Film

«Das gibt’s doch nur im Film,» sagen wir von Dingen, die uns utopisch vorkommen. Oder: «Ich glaube, ich bin im falschen Film!» Es war aber keineswegs ein Kinosaal, ich sass auch nicht vor dem Fernseher. Nein, es war in der S12 zwischen Zürich und Winterthur an einem ganz gewöhnlichen Montagabend zur Hauptverkehrszeit. Der Zug gestossen voll, jeder Platz besetzt, viele Pendler vertieft in die dünne Abendzeitung oder in die Meldungen auf ihrem Handy, junge Leute mit Ohrstöpseln hörten Musik. Alle irgendwie lustlos müde nach einem anstrengenden Tag, niemand unterhielt sich mit der Sitznachbarin. Nur einer sprach. Etwas verhalten zwar, aber eindringlich – und gleich mir gegenüber. Handy am Ohr.

«… also weisst du, das hat mich fertig gemacht. Du sagtest einfach so, es sei für dich anders, als ich es gern hätte.» … «Ja, eben, dass du nicht weiter machen möchtest. Du habest ja einen Freund – natürlich habe ich das gewusst. Aber als du letzthin einmal gesagt hast, du stehst auf ältere Männer, da hat es mich halt einfach erwischt.» … «Vielleicht hat mein Kollege doch recht wegen dir!» … «Natürlich habe ich ihm von uns erzählt. Und er glaubt, du bist viel zu jung, du weisst nicht, was du willst.» … «Nein, ich finde es so schwierig. Es macht mir viel aus, ich möchte dich wieder sehen.» … Und so ging es in einem fort von Zürich bis Winterthur. Nach der Tränengeschichte kam ein Geturtel. Die junge Frau ging offenbar wieder auf den Mann ein. Sie spielte mit beim Roulette der Gefühle.


Okay, ich hätte ja nicht zuhören müssen. Doch ich hatte weder Ohrstöpsel noch spannende Lektüre, die mich abgelenkt hätten vom eindringlichen Gespräch meines Gegenübers.


Manches ging mir durch den Kopf. Zum Beispiel, dass es ärgerlich ist und bleibt, wenn jemand im öffentlichen Raum mit seinem Handy lange und laut genug telefoniert, dass die Umsitzenden zwangsläufig Zeuge des Gesprächs werden. Wenn jeder das machte? Wir hätten ein Riesengeschrei um uns.


Meine Gedanken gingen weiter: Habe ich als junge Frau auch so blödsinnige endlose Telefongespräche geführt? Lange waren sie manchmal schon, auch traurig oder turtelig oder beschwörend. Aber ich war immer sicher, dass niemand in Hörweite, dass die Türen geschlossen waren. Und jetzt sind wir in unserem Kommunikations-Zeitalter so weit, dass intimste Gespräche zwischen zwei Liebenden oder eben Nicht-Liebenden vor aller Ohren ablaufen. Der Mann – er war vielleicht Bankangestellter, jedenfalls trug er Anzug, Hemd, Krawatte, hatte einen sauberen Kurzhaarschnitt – schien es ganz selbstverständlich zu finden, dass er seine Seelennöte im engen Zugsabteil ausbreitete. Peinlich war es ihm überhaupt nicht. Und das hat mich am meisten verwundert.


Ursy Trösch

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