Chor reist ins Centovalli

Den Gemischten Chor zieht es südwärts!

Am Morgen des 22. Juni fand sich ein Grüppchen reiselustiger Sängerinnen und Sänger am Bahnhof ein. Diesmal sollte es in den Süden gehen und zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Agnes Bühlmann und Roli Graff wollten uns ihre zweite Heimat zeigen: Das Centovalli.


Ab Zürich waren wir komplett. Im Urnerland und später an der Südrampe konnte man einige Blicke auf die Baustelle des Gotthard-Basistunnels* werfen. Wir hatten nichts zu pressieren und genossen die Fahrt durch die legendären Kehrtunnels.


Umsteigen in Bellinzona und Locarno, dann brachte uns die Centovallibahn in eher gemächlichem Tempo zum Ausgangspunkt unserer Erkundungen, nach Intragna. Dort würden wir auch übernachten. Wer ein Auge für wildromantische Gebirgslandschaften mit südlichem Charme hat, kommt hier voll auf seine Rechnung.


Nach dem Zimmerbezug in den beiden Hotels trafen wir uns wiederum bei der Bahnstation zu einer weiteren Fahrt talaufwärts, hoch über dem Bett der Melezza durch blühende Kastanien- und Lindenwälder. In Verdasio ist die Talstation der Seilbahn nach Rasa, einem kleinen autofreien Dörfchen auf einer Sonnenterrasse in der Höhe. Hier aber mussten wir uns mit Geduld wappnen, denn die Gondel fasst gerade mal 8 Personen und fährt alle 20 Minuten. Im Dörfchen scheint die Zeit stillgestanden zu sein: Es gibt tatsächlich keine Fahrstrasse, dafür ein lauschiges Grotto unter Reblauben, eine Kirche und einen winzigen Friedhof.


Nach einer für uns Laien komplizierten Platzanweisung, kamen unsere längst knurrenden Bäuche zu ihrem Recht, einem Tessinerplättli und einem Boccalino Merlot. Hier zeigten wir, dass wir ein Chor sind und gaben eine Kostprobe zum Besten.


Wer es sich zutraute, machte sich zu Fuss auf den steilen Weg nach Intragna. Ob er wohl gangbar war nach den Regenfällen der letzten Tage? Wer sich das nicht zutraute, genoss die Ruhe hier oben und erkundete die Umgebung individuell, bis es Zeit war für das nächste Bähnli nach unten.


Zurück in Intragna blieb genügend Zeit für dies oder jenes: Einen Rundgang durchs Dorf, einen Besuch im Centovalli-Museum (lohnenswert!) und in der Kirche mit dem höchsten Kirchturm des Tessins, einen Spaziergang zur Römerbrücke und an die Melezza. Irgendwann kamen auch die Wanderer wohlbehalten an.


Am Abend dann traf man sich im Ristorante Campanile, von dessen Küche unsere Reiseleiter schon lange geschwärmt hatten. Sie hatten nicht zuviel versprochen!


Während wir uns kulinarisch verwöhnen liessen, tauchten drei Gestalten mit Musikinstrumenten auf. Agnes und Roli hatten sie organisiert. Sie entpuppten sich als typische Tessiner Stimmungsmacher mit vielseitigem Repertoire und Vorliebe für Volksmusik. Hätten Sie gewusst, dass der Dudelsack ein traditionelles, aber fast vergessenes Instrument des Onsernonetals ist? Ein Genuss! Das juckte einige Sesselhocker in den Beinen: Trotz der knappen Platzverhältnisse wurden deshalb einige Tänzchen gewagt. In dieser anregenden Umgebung und bei bester Stimmung setzten wir uns nochmals als Chor in Szene. Fast unbemerkt verflog die Zeit – zu unserem Bedauern.


Gut ausgeschlafen und gestärkt konnte jeder am Sonntagmorgen das in Angriff nehmen, wozu ihm die Zeit am Samstag nicht gereicht hatte. Auch ein Ausflug mit der Seilbahn nach Costa lag drin. Für einmal schätzte man, dass nicht alles so genau durchorganisiert war.


Alles hat ein Ende, und so warteten wir kurz vor halb zwölf mit Sack und Pack zum letzten Mal aufs Centovallibähnchen. Diesmal hatten wir als Privileg einen reservierten Erstklasswagen aus der Pionierzeit. Bald war er erfüllt von angeregtem Geplauder. Welch abwechslungsreiche Landschaft zog in den nächsten zwei Stunden an uns vorüber: Die engen Schluchten bis nach der italienischen Grenze, das überraschend offene Val Vigezzo im Oberlauf der Melezza bis zur Wasserscheide, die Gebirgswälder und dann in der Ebene unser Etappenziel Domodossola!


Hier gabs keinen Aufenthalt mehr; der Zug, der uns über die Simplonstrecke in die Schweiz zurückbringen sollte, wartete schon. Gluthitze schlug uns entgegen, wurde erst nach einer Weile Fahrt durch den Tunnel erträglicher – da waren wir auch bald in Brig und wiederholten das Spielchen. Wer am Vormittag nicht ausreichend an sein leibliches Wohl gedacht hatte, verpflegte sich, wenn das «Wägeli» vorbeikam. Durch den Lötschberg nach Bern – umsteigen – der Wagen war zwar nicht für uns reserviert, aber dennoch leer – Zürich – Winterthur – Thalheim – und alles fast so schnell wie es sich hier liest! Das ist Bahn 2000! Landschaften braucht man hier keine mehr zu bewundern – wir hatten ja vorher genug davon.


Halt, es ist noch nicht fertig: Am Bahnhof Thalheim erwartete uns Hansruedi Schär mit einem Willkommens-Apéro! Womit haben wir denn das verdient?


Eine lohnenswerte Reise, wenn man sich einfach Zeit gönnen und geniessen will. Herzlichen Dank den beiden Organisatoren Agnes und Roli sowie Hansruedi für den Empfang!



* Als Ersatz der Gotthardbahn wird momentan am neuen Gotthard-Basistunnel (Länge 57 Kilometer) gebaut, der im Jahr 2018 eröffnet werden soll. Dieser ist Bestandteil der NEAT.


Der Gotthard-Bergstrecke droht nach der Eröffnung des Basistunnels die Stilllegung. Nicht einmal mehr als Ausweichstrecke im Falle von Betriebsstörungen soll sie vorgesehen werden. Allerdings wird derzeit ein Konzept erarbeitet, ob und wie die Gotthard-Bergstrecke künftig für touristische Zwecke genutzt werden könnte. Ausserdem plant man zum Schutz die Bewerbung der Strecke als UNESCO-Weltkulturerbe.


Emmi Strasser

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