Schwarzspecht

Ich bin der eleganteste und grösste einheimische Specht. Ja, ja ich weiss, unser schwarz glänzendes Gefieder und die leuchtend rote Kopfplatte – bei meinem Weibchen ists ein kleiner, roter Nackenfleck – verleiht uns ein äusserst nobles Erscheinungsbild. Mein gelblich elfenbeinfarbener Schnabel und die helle Iris tragen das Ihre dazu bei.

Eingebildet oder gar zu fein gekleidet um zu arbeiten, bin ich deshalb aber nicht: Ganz im Gegenteil, ich bin ein fleissiger und erst noch fürsorglicher Specht. Mehrere Wochen Zeit brauche ich für den Bau einer Bruthöhle, welche ich am liebsten in mindestens 100jährigen Buchen oder Kiefern mit einem Stammumfang von 130 bis 220 Zentimeter und oberhalb von etwa vier Metern Höhe anlege.

Das müssen Sie mal erlebt haben, da fliegen gegen zehntausend Späne, bis die manchmal 65 Zentimeter tiefe Höhle mit grosszügigem ovalen Einflugloch ausgebaut ist. Wenn wir dann schon mal so richtig im Schuss sind, meisseln wir manchmal sogar noch ein zweites oder gar drittes Einflugloch in diesen Altbau! Glücklicherweise kann ich mich bei der Arbeit gut an den senkrechten Stämmen festhalten, indem ich mich einerseits mit dem Schwanz abstütze und andererseits meine Spezialzehe nach unten klappe.

Im Rickenbacher Oberholz fühle ich mich schon einige Jahre recht wohl. Falls ich dort aber nicht anzutreffen bin, so verweile ich gerne auch im Elliker Niederholz, denn dort stehen die Buchen nicht zu dicht, so dass ich den geschätzten Durchblick habe. Ich verteidige ein Revier, welches meistens mehr als hundert Hektaren, manchmal bis vierhundert Hektaren beträgt. Wichtig ist mir, dass der Wald nicht allzu sehr zerstückelt, sondern zusammenhängend ist, wobei ich Lichtungen durchaus schätze.

Im April suche ich mir einen besonders guten Resonanzkörper in Form eines hohlen Astes und benutze mein wichtigstes Werkzeug den Schnabel für einmal nicht zum Meisseln, sondern um meiner Liebsten ein Schlagzeug-solo zu bringen. Unter lautem Trommeln und markantem Schreien, versuche ich ein Spechtfräulein anzulocken und meine Bruthöhle vorzustellen. Dabei kann man mich über eine sehr grosse Distanz hören. «Grrü-grrü-grrü», rufe ich beim Abflug, mit einem langgezogenen «Klijööh» signalisiere ich die Ankunft an einem neuen Ort.

Fortpflanzung: Eine reine Zweckgemeinschaft

Mein Weibchen legt vier bis sechs Eier, welche nach zwölf bis vierzehn Tagen ausgebrütet sind. Bei der Jungenaufzucht wechseln wir uns tagsüber regelmässig alle ein bis drei Stunden ab.

Nachts übernehme ich den Job, meine Jungen zu bewachen, dann aber ganz alleine, derweil mein Weibchen sich bereits wieder in ihre eigene Schlafhöhle zurückgezogen hat. Unsere Jungspechte (Bild unten) fliegen erstmals nach etwa vierWochen aus. Noch weitere sechs Wochen begleite und beschütze ich meinen Nachwuchs. In dieser Zeit lernen die jungen Schwarzspechte, sich in ihrer Umwelt Artgerecht zu bewegen und sich ihre Nahrung und ihre Schlafbäume selber zu suchen. Unsere Lieblingsspeise sind rote Waldameisen, welche altes Holz bewohnen. Wir suchen aber auch Käfer und deren Larven, die unter der Rinde alter Bäume leben.

Mit unserer langen, klebrigen Zunge klauben wir sie heraus. Am liebsten aber zerhacken wir morsche Baumstrünke und suchen diese nach Leckerbissen ab. Neben der Bruthöhle, die wir einige Jahre benutzen, besitzen wir ganz in deren Nähe, Immer noch ein paar andere Schlafhöhlen.

Wo Schwarzspechte leben, profitieren auch andere Tiere

Wir begreifen schon, dass die Menschen Holz brauchen, und trotzdem beobachten wir die Arbeit der Holzfäller stets mit gemischten Gefühlen. Denn werden grössere Buchenbestände gefällt, wird für uns gleich ein ganzes Wohnquartier ausgelöscht und die aufwändige und manchmal vergebliche Suche nach anderen geeigneten Bäumen beginnt. An den Aufwand, neue Höhlen zu zimmern gar nicht zu denken …

Nicht nur unser Bestand steht und fällt mit dem Bestand an alten Laubbäumen: Einige andere Vogelarten sind ebenfalls auf die von uns verlassenen Höhlen angewiesen, weil sie gar nicht in der Lage sind, eigene Höhlen zu zimmern. So profitieren Hohltauben, Rauhfusskäuze, Dohlen und der Star von den alten aufgegebenen Wohnungen genauso, wie Eichhörn-chen, Fledermäuse, Baummarder, Siebenschläfer, Hornissen und Wespen. Wir haben also eine wichtige Funktion im Oekosystem Wald.

Unser grösster Feind ist der Habicht. Weil wir aber nicht allzu lange Flügel haben, sind wir ziemlich wendig und können ihm im Zickzack-Flug, also nicht im Wellenflug wie das andere Spechte tun – meist entkommen. Vorsichtshalber meiden wir wenn immer möglich grösseres, offenes Gelände, so fallen wir erst gar nicht auf.

für die Dorfposcht Thalheim,
Andy Widmer, Altikon

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