Gedankenflung: Vertrauensselig…

Es war anfangs Juli an einem der ersten Tage nach der grossen Hitze. Ich fuhr von Gütighausen her kommend durchs Dorf und es goss in Strömen. Kurz nach dem Schulhaus spazierte ein kleiner Bub ganz allein durch den Regen. Die Kapuze seiner knallgelben Regenjacke hing auf seinem Rücken. Ich hielt an und wollte ihm eigentlich nur sagen, er solle doch die Kapuze auf den Kopf ziehen, damit er nicht pflotschnass werde. Der Kleine tat mir leid. Ob er denn noch einen langen Heimweg habe. Ins Oberdorf müsse er. Also noch weit durch den strömenden Regen. Einer spontanen Regung folgend fragte ich ihn, ob ich ihn nach Hause fahren solle. Ja, meinte er munter, und kletterte auf den hinteren Autositz. Ich musste mir von ihm den Weg weisen lassen, denn ich kannte den Buben nicht, wusste also nicht, wohin ich zu fahren hatte. Er plauderte fröhlich. Manchmal mache er die Kapuze extra nicht auf den Kopf, weil er dann eine Igelifrisur machen könne. Wir fuhren bei ihm vor, ich verabschiedete mich von ihm – und nachher plagte mich mein Gewissen.

Ich dachte, dass ich ihn eigentlich nicht hätte fahren sollen. Das Kind stieg ganz vertrauensselig in mein Auto. Und wenn es das nun bei jemandem macht, der ihn nicht einfach nur nach Hause fährt? Kindern wird soviel Ungutes, Schreckliches angetan, das kann man täglich lesen und hören.

Dann erinnerte ich mich an ein eigenes Erlebnis. Ich war damals etwa gleich alt wie mein kleiner Passagier. Auf dem recht langen Heimweg vom Kindergarten kam ich an einem Haus vorbei, vor welchem ein Mann sein – wie mir schien – besonders schönes und grosses Auto wusch. Ich ging zu ihm hin, sagte, er habe ein schönes Auto und quatschte offenbar so lange auf ihn ein, bis er fragte, ob er mich mit dem Auto nach Hause fahren solle. Natürlich, das brauchte er mich nur einmal zu fragen. Daheim angekommen brachte er mich zu meiner Mutter, erzählte die Geschichte und sagte, sie solle ihrer Tochter beibringen, dass sie nicht mit wildfremden Leuten Auto fahren solle.

Wie schwierig ist es doch, Kinder vor Risiken zu warnen, sie zu schützen – und ihnen dennoch ihr natürliches Verhalten, ihre Offenheit und ihr Vertrauen nicht zu nehmen. Es wird immer schwieriger, scheint mir.

Ursy Trösch

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