Lesetipp: Verbrechen, Verschwörung und Wissenschaft

Marianne de Mestral, die Verfasserin der «Lese-Tipps», stellt der «Dorfposcht» die Kurzbesprechungen, unentgeltlich zu Verfügung. Sie schreibt sie für die linke Zürcher Zeitung (Auflage 8500). Und sie freut sich, dass wir einige ihrer Krimibesprechungen übernehmen. Ihrem Wunsch, ihr für ihre Beiträge ein Exemplar unserer «Dorfposcht» zuzustellen, kommen wir gerne nach.

Ich fragte sie kürzlich, was ich zu ihrer Person sagen soll. Prompt mailt sie mir, was sie in Kürze über sich sagen würde: «Nach Abschluss der Erwerbsarbeit kann ich nach Lust und Laune lesen – dazu gehören Krimis. Da ich auch gerne schreibe, verbinde ich mit den Besprechungen zwei Vergnügen, nämlich lesen und schreiben. Eine dritte, allerdings viel aufwendigere Tätigkeit – oft ebenso spannend und unberechenbar wie ein Krimi – ist die Arbeit als Verfassungsrätin.»

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Äusserst merkwürdig, was da schon am Anfang alles passiert: In Küsnacht – die Schweiz kommt erst nur nebensächlich vor – verschwindet spurlos ein talentierter Wissenschaftler. Kurz darauf ermordet eine junge Frau in Florida kaltblütig und grundlos einen krebskranken alten Mann. Und in Washington therapiert ein Psychiater – er leidet unter seltsamen Panikattacken – nur gerade zwei Patienten. Zweifel kommen auf; ist Duran am Ende ein Schwindler und sind seine Diplome – sie zieren zahlreich die Wände des Behandlungszimmers – am Ende gar Fälschungen? Die Phobien bereiten auch Jeff Duran Sorgen: «In Wahrheit fragte er sich, ob er den beruflichen Ansprüchen überhaupt noch genüge. Konnte ein Therapeut, der sein eigenes Leben nicht hinterfragte, anderen Menschen nach wie vor helfen?»

Duran verliert eine Patientin durch Selbstmord. Die Rechtsanwältin Adrienne Cope, die Schwester der Toten, kann das nicht hinnehmen; sie beschuldigt den Psychiater; die Frau in den Tod getrieben zu haben und beginnt zu recherchieren. Dabei stösst Adrienne auf schockierende Tatsachen aus Durans Vergangenheit. Ungereimtheiten, von denen Duran behauptet, nichts zu wissen. Doch mitten in den Querelen werden Jeff und Adrienne plötzlich von Killern gejagt. Die einzige Rettung ist, einander zu vertrauen. Denn die Jagd wird von einem übermächtigen Gegner betrieben. Die Suche nach Jeff Durans Gedächtnis ist voller lebensgefährlicher Hindernisse; kaum kann sich Jeff wieder langsam erinnern, wechselt der Schauplatz erneut in die Schweiz. In das Land, in dem die Leute «bis zu den Zähnen bewaffnet seien: Es gibt sogar ein Gesetz. dass jeder Mann zwischen zwanzig und vierzig oder so «eine Schusswaffe besitzen muss.» Küsnacht, Zürich, Berner Oberland und das WEF in Davos sind gegen Ende des aufregenden Romans die hiesigen Stationen.

Am Schluss deckt der Autor, John F. Case, die Zusammenhänge auf. Bis dahin prallen Verbrechen, internationale Verschwörung und Wissenschaft, eher science fiction aufeinander. Oder ist es schon real und gar nicht mehr fiktiv, was da passiert? Diese Frage stellt sich unweigerlich – sie bleibt offen.

Marianne de Mestral

John F. Case, Gefälschtes Gedächtnis, Scherz Verlag, 2001, 477 Seiten, 40.20 Franken.

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