Portrait: Els Morf

Steckbrief

Name: Els Morf-Bachmann
Alter: 80
Wohnort: Thalheim
Familie:7-fache Mutter, 17-fache Grossmutter, Urgrossmutter
Besonderes: Autorin von En offes Fäischter, Verfasserin des «Nachgedacht»

Gänggeliwar und Glarner Beggeli, das war der Titel des letzten von Els Morf geschriebenen «Nachgedacht» in unserer Dorfposcht. Viele andere Themen griff Els Morf zuvor auf, und verfasste darüber ihre Gedanken, dachte über dieses und jenes nach, äusserte sich besinnlich, ehrlich, hin und wieder auch kritisch und regte zum Nachdenken an. Ganz bescheiden und ohne jegliches Brimborium wollte sie sich in der letzten Dorfposcht verabschieden. Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt zum Aufhören. Manchmal falle es ihr nicht mehr so leicht, ein «Nachgedacht» zu schreiben, bis nur mal das Thema gefunden sei und dann die Sache mit dem Schluss: So oft lag das Geschriebene fertig vor, nur der letzte Satz gefiel Els Morf noch immer nicht. Etwas heikel sei sie in dieser Beziehung vielleicht schon, denn kaum einer ausser sie selber hätte sich wohl daran gestört. Der Zeitaufwand für ein «Nachgedacht» war nicht klein. Nur an Zeit würde es Els Morf eigentlich nicht fehlen.

Früher, als Bauernfrau und Mutter von sieben Kindern, nahm sie sich die Zeit, um selber ein Buch zu schreiben. «En offes Fäischter» erschien im Jahre 1969 und wurde in Mundart geschrieben. Rudolf Schwarzenbach, der im Büchlein die Einleitung verfasste, schrieb: «Was die folgenden Blätter so liebenswert macht, ist die verhaltene, ja oft karge Art, in der eine Frau, die im Haus und auf dem Feld alle Hände voll zu tun hat, ihre Tage nimmt und verwerchet. Geschrieben sind sie in den spärlichen Stunden am frühen Nachmittag oder am späten Abend, wenn die Stühle um den langen Tisch leer stehen, dann drängt manches, was den Gedanken keine Ruhe lässt, im Gespräch keinen Raum gefunden hat, nach aussen ins Wort». Schreiben, ja das habe Els Morf schon immer gern getan. So oft war sie draussen auf dem Feld, verrichtete irgendeine Arbeit, bei der die Hände wussten, was zu tun war, wo plötzlich Gedanken kamen, die sie später aufschrieb. Ein paar Mal erzählte sie auch am Radio aus ihrem Leben, sogenannte Momentaufnahmen, die in Nachmittagssendungen ausgestrahlt wurden. Die ersten geschriebenen Artikel erschienen als lose Folgen im Landboten und später wurde daraus die Zusammenfassung in ihrem Buch. Es blieb bei diesem einen Buch.

«Nachgedacht» wurden es insgesamt an die 50. Erinnern wir uns an das erste: «Grüezi ist ein schöner Gruss». Weiter folgten Themen aller Art, aus der Natur, Begegnungen, Sprichwörter, ein Gedicht, eine alte Redensart, die bald niemand mehr kennt und dann auch das «S wott es Fraueli z Märit gaa und de Maa …» (Dorfposcht 14, 4/1993) oder «Manne, s isch Zyt für e grosszügigs Ja» (Dorfposcht 28, 1/1996), wo über die Entstehung des Frauenstimmrechtes auf eidgenössischer Ebene am 7. Februar 1971 (vor 30 Jahren!) zu lesen war. Els Morf wusste auch nach 25 Jahren noch, dass die Gemeinde Thalheim dazumal mit dem prozentual geringsten Anteil der Ja-Stimmen im Kanton Gegenstand einer Reportage wurde. Ausgerechnet in dieser Gemeinde versuchte sich eine Bauernfrau und Mutter mit Schreiben. Ob das wohl bei einigen damaligen Bewohnern nicht auch als etwas emanzipiert betrachtet wurde? Das Wort Emanze war denn auch in anderen Folgen des «Nachgedacht» ein Thema. Oft wählte sie auch Begebenheiten aus der Gemeinde oder der Region. Gedanken über die Aufhebung des bedienten Bahnhofs, der Radweg nach Andelfingen, die abgestellten Dorfbrunnen im Winter. Ganz speziell das Nachgedacht «Bunny jump, goodness house, bridge balance», (Dorfposcht 37, 11/1997), wo sie sich mit englischen Brocken auseinandersetzte. Auch Els Morf blieb nicht verwehrt, was die heutigen Kids in Mutters Küche rufen: «Ich mues öppis z fuude ha!». Dies ist nur eine kleine Palette der bunten Auswahl, die wir immer wieder zu lesen bekamen, die zum Schmunzeln oder zum Nachdenken anregte.

Auch wer Els Morf nicht persönlich kennt, lernt sie spätestens beim Lesen ihrer Erzäh­lungen kennen. Ihr Interesse an vielen Dingen ist gross, Gwunder würde sie es vielleicht nennen. Ihre Art ist bescheiden, warmherzig, fröhlich aber auch besinnlich. Was das Schreiben anbelangt, ist sie sehr genau, kritisch mit sich selber und dreht oft den Satz zweimal um, bis er fertig steht. Sie geht den Sachen auf den Grund. Aus einem banalen Wort kann sie einen Artikel schreiben, macht gelungene Wortspiele, schaut nach, woher ein Wort stammt, denkt nach, was ein Wort aussagen will. Da gibt es keine Oberflächlichkeiten. Die Freude an der Sprache blickt in ihren Texten durch. Sie pflegt die Mundart, sagt noch heute Binätsch und nicht Spinat. Aber auch mit der neuen deutschen Rechtschreibung hat sie sich wacker auseinandergesetzt. Früher lebte sie als Mutter einer Grossfamilie zusammen mit den Schwiegereltern auf engsten Platzverhältnissen. «Heute würden sich die Jungen mit solchen Wohnverhältnissen längst nicht mehr zufrieden geben», meint sie rückblickend. Der Kontakt zu den Kindern und Enkeln, die zum Teil in Thalheim wohnen, freut sie immer. Sie ist interessiert an der heutigen Lebensart. Um vieles sind die Jungen heute zu beneiden, manches ist für sie aber auch schwieriger als früher. Die Zeiten haben sich verändert wie auch die Sprache.

Wird Els Morf denn nach all den Jahren das Schreiben nicht auch vermissen? «Wer weiss, vielleicht schreibe ich schon wieder einmal etwas für die Dorfposcht, irgendetwas, etwas ganz Spontanes. Der Termindruck und jetzt unbedingt etwas schreiben zu müssen, fällt mir immer schwerer», meint sie, «mit dem Alter geht eben alles etwas langsamer.» In diesem Alter darf es das auch. Zeit zum Lesen, Radio hören, ihren schönen Rosengarten zu pflegen, Spaziergänge oder Velofahrten über Land zu unternehmen, das will sich Els Morf auch weiterhin nehmen. Ein weiteres Zitat aus dem «Nachgedacht» «Wünsch Dir was, sagte die gute Fee …» (Dorfposcht 45, 5/1999): «Einen Wunsch frei haben … beim Velofahren durch die schönen Frühlingslandschaften kommt mir der vermessene Gedanke: wie wäre das schön, wenn ich das noch zehn Jahre tun könnte! Ein unbescheidener, unbegreiflicher Wunsch? An sich sicher kein übertriebener Gedanke – nur in Anbetracht der Jahre, die ich schon auf dem Buckel habe …? Ja, bleibe nur auf dem Boden, nimm es vorzue und sei glücklich, dass Du diesen Frühlingstag noch so geniessen darfst …»

Wir vom Dorfposcht Redaktionsteam wünschen Els Morf, vor allem gute Gesundheit, dass sie den Lebensabend weiterhin geniessen darf und noch viele Velotouren machen kann. Die Strecken werden vielleicht mit der Zeit etwas kürzer, die Eindrücke aus der schönen Natur aber sicher nicht geringer werden. Herzlichen Dank für die vielen anregenden «Nachtgedacht». Sie waren eine grosse Bereicherung für die Dorfposcht.

Und nun ist definitiv Schluss. Kann man mit einem solchen letzten Satz einfach abschliessen? So würde sich Els Morf sicher überlegen? Eigentlich möchten wir vom Redaktionsteam eine Rubrik wie das «Nachgedacht» weiterführen. Wir lassen uns etwas Neues einfallen …

Marlies Schwarz


«En offes Fäischter

Das Buch «En offes Fäischter» von Els Morf-Bachmann ist in unserer Bibliothek vorhanden. Es ist in Züritüütscher Prosa geschrieben und 1969 im Gemsberg-Verlag erschienen. Wer eine spektakuläre, spannende Lektüre erwartet, liegt falsch, wer aber Sinn für Feingefühl hat und urchig beschriebene Erzählungen aus einem ganz gewöhnlichen Leben einer Frau in unserem Dorf versteht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Ein Ausschnitt: «Öppis ziet di veruse. Mit Gwaalt. S hät wider gschneyt i der Nacht. Laufsch em Bach naa. De Bach isch nu na schmaal, uf beede Syte isch de Schnee is Wasser ie gwachse. Er hebet sich an alem. De Himel isch verhänkt. Es luuret name Schnee. Gaasch durs Voorland bis a d Tuur. Bisch scho lang nüme da une gsy. Im Summer isch es lëërmig, me stügelet über Eërm und Bäi. Z Aabis isch me z müed und am Wëëchtig hät me kä Zyt. Zwüschet de Tane chläbed am Bode aagschwämti Escht, Gstrüüch, ales yphackt ine wysses Tuech. Stilen isch es. De wettsch lauffe und lauffe, wyt. Häsch alewyl gmäint, äimaal göngs usen i d Wält. Iez bisch aapunde. Fröndi Länder? Ggluschtets di na? Männgsmaal scho. Wird me nid äigen und wältfrönd, wäme chuum emal vor d Huustüren use chunt? D Chind, won usswërts schaffed, bringed der Wyti und frischi Luft i d Stube. Brief us em Ussland verzeled der vo Frankrych, Tüütschland, Italien, Amerika. Wottsch d Fäischter offe phalte

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