Erinnerungen an die Schule während der Kriegszeit: «Frl. Viola, Verweserin, erteilt einen guten und anschaulichen Unterricht»

Dieser Vermerk im Visitationsbuch ist der einzige amtliche Hinweis auf das Wirken von Fräulein Viola in Thalheim. Die im Sommer 1940 erst neunzehnjährige Dora Viola war nur wenige Wochen hier. Sie hat aber bei uns Kindern einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich fünfzig Jahre später auf Spurensuche ging – in der Hoffnung, die Lehrerin, die mir so recht eigentlich «den Knopf aufgetan» hat zu finden, um ihr für die begeisternden Schulwochen in einer sonst so düsteren Zeit zu danken.

Spurensuche mit Hilfe des Zufalls und des kantonalen Vikariatsbüros

Ich bin durch Zufall und dank einfühlsamer Mithilfe des kantonalen Vikariatsbüros inzwischen fündig geworden. Aus dem Frl. Viola ist eine Frau Altheer und Mutter von vier Kindern geworden. Sie lebt heute mit ihrem Mann, dem vormaligen Telefondirektor des Kantons Zürich, in einem wunderschönen, stilgerecht renovierten alten Schulhaus in Rehetobel, Appenzell-Ausserrhoden.

Meine Frau und ich haben Familie Altheer-Viola kürzlich besucht und – was unvermeidlich war – Erinnerungen an jenen bedrohlichen Sommer 1940 ausgetauscht. Dabei hat Frau Altheer die Umstände geschildert, wie die Seminaristen, völlig unvorbereitet, einspringen mussten, um die im Aktivdienst stehenden Lehrer zu ersetzen. Wir haben ihre Erinnerungen – die sie lachend erzählt hat – so eindrücklich gefunden, dass wir sie gebeten haben uns wenigstens ihre Reise nach Thalheim und den Schulbeginn niederzuschreiben als Beitrag in die Dorfposcht Der nachstehende Bericht aus ihrer Feder gibt einen treffenden Einblick in den Alltag jener Zeit. Oft wünschten wir uns, dass jüngere Mitbürger- und Bürgerinnen sich vermehrt ein Bild machen würden über die harten Umstände jener schwierigen Zeit und über die Opferbereitschaft ihrer Eltern und Grosseltern.

Ernst Basler, zum Grundstein Thalheim an der Thur


Erinnerungen an Thalheim

Samstagmorgen, Mitte August 1940

Muss jetzt das Telefon läuten, wenn ich mitten am Kochen bin!

Nach einer mühsamen Zeit der Getreideernte habe ich meine Eltern auf ein paar Tage zum Ausruhen weggeschickt. Zusammen mit meinem zerebral gelähmten Bruder und zwei Hilfsknechten besorge ich den grossen Bauernhof. Aber morgen werden die Eltern heimkehren. Was will das Telefon? Ich bin an einer wichtigen Arbeit, aber beharrlich klingelt es!

Am anderen Ende des Drahtes meldet sich der Sekretär der Erziehungsdirektion: «Sie werden am Montagmorgen die Schule in Thalheim übernehmen, 4.–8. Klasse. Der Lehrer ist schon seit Wochen im Militärdienst, nähere Angaben haben wir keine. Die schriftliche Bestätigung erhalten Sie nächste Woche».

Züge ins Weinland sind rar.

Thalheim? Wo liegt das? «Ich koche für dich weiter», meint mein Bruder, «such du unterdessen Karte und Fahrplan».
Diesmal kann ich nicht mit meinem alten Velo zur Stellvertretung fahren, denn das Weinland liegt weit weg. Die Züge vom Zürichsee ins Weinland sind sehr rar, es ist ja Kriegszeit und die wenigen Züge werden oft vom Militär gebraucht. Wenn ich am Sonntagmorgen von hier wegreise, erwische ich nur den Abendzug nach Thalheim. Wann bleibt mir noch Zeit, um mich nach der Schule zu erkundigen und eine Unterkunft zu finden?
«Und wenn du gleich jetzt wegfährst und bei meiner Freundin in Winterthur übernachtest?» rät meine Schwester, die eben von der Arbeit im Kindergarten heimkehrt.
Nach einer kurzen telefonischen Anfrage ist es klar: Ich muss sofort alles Nötige zusammenraffen, Rucksack und Koffer packen und nach Winterthur reisen. Dort werde ich bei Margrith schlafen und am Sonntag den ersten Zug nach Thalheim benützen, Abfahrt 9 Uhr.

In Thalheim bin ich die einzige Reisende, die den kurzen Zug verlässt. Der Bahnhofvorstand mit der Kelle mustert mich von oben bis unten und von unten bis oben. «Aha, Sie suchen das Schulhaus und den Schulpräsidenten», meint er staunend, «da werden die Kinder keine Freude haben, dass die Schule wieder beginnt. Philipp, hol den Leiterwagen, lade Koffer und Rucksack ein und begleite das Fräulein zum Roggensinger»!

Ein etwa elfjähriger Knabe führt mich in das Dorf, das eingebettet liegt am Rande der Thurebene. Kein Wort spricht er, und ich – mit meinen knapp neun Jahren mehr an Alter – was soll ich fragen?

Der Vorgänger hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten!

Ich klopfe an der Stubentür des Schulpräsidenten. Auch er mustert mich: «Das Schulhaus haben Sie wohl gesehen. Die Kinder hatten einige Tage frei. Haben Sie gute Nerven? Ihre Vorgängerin erlitt einen Nervenzusammenbruch bei dieser Rasselbande. Ein Lehrer wäre eben schon besser»!
«Darf ich noch um eine Unterkunft fragen?»
«Gehen Sie zu Frau Basler dort im kleinen Haus oberhalb des Dorfes, die Vikarin von Gütighausen wohnt auch dort. Und nun machen Sie’s gut! Äh … was ich noch sagen wollte: im Untergeschoss des Schulhauses wohnen zur Zeit internierte französische Soldaten».

Im Schulzimmer herrscht eine unglaubliche Unordnung!

Beim Betreten des Schulzimmers steigen mir die Tränen hoch: Diese Unordnung! Da steht, liegt und hängt alles herum, als wären die Schüler erst in die Pause entwichen. «So, nun stelle ich meinen Mann. Schliesslich ist es nicht die erste Mehrklassenschule, die ich stellvertretend betreue!» nehme ich mir vor.

Die Tintenfässer sind noch offen.

Im Lehrerpult finde ich die Abszenzenliste, die mir Auskunft gibt über Anzahl, Alter und Eltern der Schüler. Dort hinten sind die höheren Schulbänke, dort werden die Kinder vom siebten und achten Schuljahr «hausen». Gleich anschliessend ans Pult stehen niedrigere Schulbänke, die Tintenfässer noch geöffnet, unzählige Tintenflecken zieren die Bankklappen. Unter den Bänken im Wirrwarr von Büchern und Heften suche ich nach dem Stand der Klassen. Kaum habe ich Zeit, mein Mittagsbrot zu geniessen. Denn – was werde ich mit diesen Schülern erarbeiten? Wie lange wird diese Stellvertretung dauern? Ich brüte über die möglichen Themen zur Geografie, Geschichte, Naturkunde, denn diese Fächer verlangen gründliche Vorbereitung, sollen sie für Schüler und Lehrer erquicklich sein. Das alte Rechenbuch gibt keine Probleme. Lesen, erklären und Grammatik brauchen da schon mehr Geduld und Fantasie. Also los! Ich zeichne den Grammatikwagen an die Wandtafel: Die Wagenbrücke trägt Kisten mit der Aufschrift Hauptwort, Eigenschaftswort und Bindewort. In den Rädern stecken die Tunwörter, die treiben alles vorwärts und verändern sich.

Ich blicke durchs Schulzimmerfenster auf die abgeernteten Felder. Kennen die Schüler den Keimungsvorgang, die Symbiose von Klee und Getreide?
Und die Mäuse?
Und wie beginne ich den Schultag? Mit Turnen, Singen oder gar Kurzgeschichten-Erzählen? Zuerst muss ich die Schüler vor mir sehen, dann kann ich entscheiden.

Die französischen Soldaten im Schulhaus.

Es klopft an der Schulzimmertüre. Draussen steht ein französischer Soldat. Er sei Kunstmaler – ob ich ihm Papier, Pinsel und Farben leihen könnte, er sterbe sonst vor Heimweh. Im Kasten liegen einige Blätter, die Farben sind alt, die Pinsel zum Teil enthaart, aber etwas darf ich wohl herausgeben.
«Gibt es kein Klavier im Zimmer?» drängt sich ein Zweiter herein. «Ich bin Musiker und möchte gerne musizieren». Da kann ich nicht helfen – ausser mit dem Hinweis auf unsere Stimme. Sie ist auch ein Instrument! Wie sind sie froh um meine Französisch-Kenntnisse. Am Abend zwänge ich mich mit Koffer und Rucksack durch die Reihe der Internierten und suche meine Unterkunft.
«Es gibt hat nur noch ein Kämmerchen zum Schlafen», entschuldigt sich meine «Schlummermutter». Ein Bett, ein Kasten, ein Stuhl füllen es aus. Schreib- und Vorbereitungsarbeiten werde ich im Schulzimmer besorgen.

Als ich nach fünf Wochen mit Sack und Pack zum Bahnhof wandere, wird mir ganz weh zumute. Alles ist mir lieb geworden: die Kinder mit ihren Sorgen und Nöten, aber auch ihr herzhaftes Lachen, die Landschaft, deren Zauber ich noch heute spüre, die Thur, an deren Ufer ich mit den Buben und Mädchen turnte, badete und Ball spielte, das Schulzimmer, in dem unser Singen fröhlich und rein klang.
Der französische Musiker lehrte uns «Frère Jacques» im Kanon singen, er aber lernte von uns «Es Purebüebli …» und «Auf, du junger Wandersmann …». Pinsel und Farben sandte mit meine Mutter und wir aquarellierten das «gewürfelte» Weinland unter kundiger Leitung.

Nun aber gilt es, vorwärts zu blicken, trage ich doch in der Tasche bereits die schriftliche Aufforderung für eine Stellvertretung im Zürcher Oberland an einer Fünfklassen-Schule.

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